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Dietmar

Thema: Drogen und die Folgen

Inhalt:

Eine Geschichte über einen jungen Menschen, der dem Kokain verfällt

Anwendung:

Was sind Drogen? Oft fängt alles sehr harmlos an und wird mit der Zeit immer noch verschärfter. Dass damit der persönliche Verfall einhergeht ist für viele nicht ersichtlich, oder erst sehr spät. Diese Geschichte eignet sich, wenn es um den „Einstieg in Drogen“ geht. Mögliche Hintergründe (Schicksalsschläge, falsche Freunde, Angebertum, etc.) können besprochen werden und wie sich ein Verfall abzeichnet.

Kurzgeschichte

Ich möchte gerne über einen ehemaligen Kommilitonen von mir erzählen. Er hieß Dietmar. Ich war damals 19, Dietmar 1 Jahr älter. Wir studierten zusammen Architektur in München. Für mein Alter war ich damals eigentlich noch recht kindlich und naiv. Mag sein, dass es daran lag, dass ich wohlbehütet von meiner Familie in einem kleinem Dorf auf dem Land aufgewachsen bin. Zu Beginn meines Studiums gab es deshalb ziemlich viel Neues für mich, darunter Vieles, das mich stark beeindruckt hat.

Das Leben in einer Großstadt war faszinierend. Immer war was los, so viele Menschen, unendliche Möglichkeiten. Natürlich war in meinem Studentenheim jeden Tag eine Party angesagt. Aber ich musste auch verdammt viel lernen, planen und zeichnen. So ein Studium macht man schließlich nicht nebenher.

Architektur hatte mich schon immer sehr interessiert. Jetzt lernte ich alles über Kunstgeschichte, Baustatik und Freies Gestalten – es war, als ob sich neue Horizonte für mich geöffnet hätten. Ich lief (wie alle Studenten des 1. Semesters) nur mit meinem Skizzenbuch, Photoapparat und Metermaß durch die Gegend, und ich war der festen Überzeugung, dass aus mir mal ein neuer Norman Foster werden würde (übrigens auch wie alle anderen Erstsemester).

Auch viele Mitstudenten faszinierten mich. Ein etwas älterer Bauzeichner, der im Gegensatz zu uns anderen schon Ahnung hatte und bei unseren tollkühnen Ideen immer nur verwundert den Kopf schütteln konnte. Richtig überspannte Hühner, die zwar klasse aussahen, aber nicht mal in der Lage waren, ihren Bleistift selbst zu spitzen. Dafür hörte man mindestens dreimal am Tag von denen: „Ach, mein Freund ist ja auch Architekt und der sagt...“ Noch weitere unbedarfte Jugendliche wie mich, die stets mit weit geöffnetem Mund staunend durch die Uni liefen. Nicht zu vergessen, die begnadeten Künstler, die mich im Zeichenunterricht immer richtig neidisch werden ließen.

Und dann war da noch Dietmar. Dietmar war mir schon am ersten Tag aufgefallen. Irgendwie war er anders als wir alle. Er ließ sich nur verdammt schwer einschätzen und man konnte ihn nicht leicht in eine Schublade stecken. Schon rein äußerlich unterschied er sich von den meisten immens, war fast 2 Meter groß und machte einen sehr durchtrainierten Eindruck. Obwohl er sichtlich nicht großen Wert auf sein Äußeres legte, sah er richtig gut aus. Er sprach nicht viel, aber wenn doch, dann waren seine Worte immer überlegt und voller Witz. Dietmar hatte Charisma und eine ungeheuer sympathische Ausstrahlung, was dazu führte, dass ihm Frauen reihenweise verfielen. Obwohl er nur ein Jahr älter, war er mir doch in Vielem um Längen voraus und hatte verdammt viel auf dem Kasten. Dietmar konnte sehr gut zeichnen, hatte geniale Ideen und mit statischen Berechnungen tat er sich leicht. Dabei nahm er das Studieren nicht so ernst wie ich. Er nahm überhaupt alles nicht so wichtig, sich selber eingeschlossen. Dietmars Art führte auch dazu, dass er von vielen Studenten gemieden wurde. Er passte einfach nicht in unser Kollektiv mit all seinen Wertvorstellungen und Abläufen hinein. Es kann auch sein, dass viele in Wirklichkeit nur eifersüchtig auf ihn waren. Meistens saß er in der letzten Reihe und döste gedankenverloren vor sich hin. Wenn ein Professor aber meinte, er würde nicht aufpassen, und er könnte ihn damit disziplinieren, dass er ihm überraschend eine Frage stellte, erlebte der sein blaues Wunder. In aller Ruhe hörte er sich die Frage an, überlegte nur kurz und gab dann eine verblüffend gute Antwort.

Jedenfalls verstand ich mich von Beginn an ausnahmsweise gut mit ihm. Er half mir, wo ich Hilfe brauchte. Nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Er zeigte mir, wie selbst die schwersten Rechenaufgaben zu lösen waren. Er bremste mich, wenn ich wieder mal zu viel feierte. Er baute mich bei harter Kritik von Professoren auf und beriet mich, wenn ich mich in ein Mädchen verliebte. Aus irgendeinem Grund hatten wir einfach einen guten Draht zueinander. Auch wenn das jetzt doof klingen mag, wurde Dietmar mit der Zeit eine Art großer Bruder für mich.

Natürlich war mir aufgefallen, dass Dietmar ein Kind von Traurigkeit gewesen war. Er hatte, obwohl er mit seiner Freundin fest zusammen war, ständig Affären am Laufen, rauchte wie ein Schlot, auch schon mal einen Joint und war auch dem Alkohol nicht abgetan. Aber das waren wir zu der Zeit alle nicht. Im Gegensatz zu mir hat es Dietmar aber immer geschafft, regelmäßig Sport zu treiben und sich in Form zu halten. Wie gesagt, er war wirklich eine beeindruckende Erscheinung, was daher kam, dass er täglich im Fitnessstudio war oder laufen ging. Dietmar war so vital und es schien so, als ob ihn wirklich nichts jemals aus der Bahn werfen könnte. Ich mochte ihn wirklich gerne und war froh, dass ich ihn zum Freund hatte.

Doch mit der Zeit begann sich Dietmar zu verändern. Am Anfang noch fast unmerklich, oder vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben, was mit ihm passierte. Wie gesagt, auch nach 1-2 Jahren in München war ich noch ziemlich naiv. Gerade was Drogen angeht. Anfangs fiel mir auf, dass Dietmar immer dünner wurde. Er sagte, dass würde daran liegen, dass er zur Zeit weniger trainieren würde. Er sah auch immer schlechter aus, war blass und eingefallen im Gesicht. Wir gingen zu der Zeit auch nicht mehr so oft zusammen weg. Dietmar hatte wohl neue Freunde kennen gelernt und mit denen zog er jetzt immer um die Häuser. Die waren alle älter als wir und irgendwie fühlte ich mich in deren Gesellschaft nicht so wohl.

Dietmar fehlte immer häufiger in den Vorlesungen, das war mir schon aufgefallen. Da er aber nach wie vor wesentlich bessere Noten hatte als ich, konnte ich ihm keine Vorwürfe machen. Mir fiel auch auf, dass Dietmar langsam schon fast verwahrlost daherkam. Er sah oft so aus, als habe er sich tagelang nicht mehr gewaschen. Auch schien er finanziell immer öfters einen Engpass zu haben. Er borgte sich oft Geld von mir und gab es nur selten zurück.

Im Nachhinein muss ich feststellen, dass sich die Veränderung von Dietmar als schleichender Prozess vollzog. Zu langsam, als dass man sie richtig feststellen hätte können. Und nicht drastisch genug, dass ich Handlungsbedarf gesehen hätte.

Bis es mir eines Tages wie Schuppen von den Augen fiel. Dietmar war wieder schlecht drauf, sah furchtbar aus und hatte Schüttelfrost. Ich meinte, dass er wahrscheinlich eine Grippe hätte und er sollte doch nachhause gehen, aber er sagte, es würde schon gehen. Er musste auf die Toilette, stand auf und ging. Als er nach Ende der Vorlesung noch nicht wieder zurück war, suchte ich nach ihm, fand ihn aber nirgends. Ich dachte mir, dass er wohl doch heimgegangen sein würde. Dagegen sprach aber, dass er seine Sachen im Vorlesungssaal liegen hatte lassen. Also rief ich bei ihm in seiner Bude an. Da war er nicht. Da es nicht seine Art war, sich nicht zu verabschieden, machte ich mir ein wenig Sorgen und ich fing mit meiner Suche nochmals bei den Toiletten an. „Dietmar! Dietmar bist du hier?“ Hinter der verschlossenen Tür einer Kabine hörte ich ihn leise röcheln: „Hey Achim... hilf mir. Bitte hilf mir!“ Er konnte die Tür anscheinend nicht von innen öffnen, also zog ich mich hoch und kletterte über darüber.

Dietmar lag am Boden und Blut lief aus seiner Nase. „Hey was ist mit dir?“ fragte ich ihn. „Ganz ruhig. Ich hole einen Arzt.“
„Nein! Bitte, kein Arzt! Es geht schon wieder.“
„Was um Gotteswillen ist nur los mit dir, Dietmar?“
„Ich glaube, ich habe eine Überdosis erwischt. Aber das wird schon wieder. Du musst mir nur helfen, dass ich nachhause komme.“
Das tat ich dann auch. Ich schleppte Dietmar zu seiner Wohnung und legte ihn aufs Bett. Nach und nach rückte er damit raus, dass er schon seit längerer Zeit Kokain schnupfen würde. Aber ich sollte mir keine Sorgen machen, er habe alles sicher im Griff. Dass er jetzt zusammengebrochen sei, würde er als Zeichen sehen, um damit aufzuhören.

Zwei Tage später war er wieder an der Uni, schaute besser aus und machte einen guten Eindruck. „Mensch, mir geht es wieder total gut! Ich merke richtig, wie der Dreck aus meinem Körper verschwindet. Ich war gestern auch schon wieder beim Laufen. Und morgen kommt meine Freundin zu Besuch.“ Ich habe mir bei seinen Worten gedacht, dass er es tatsächlich alles im Griff hätte. Wie gesagt, ich war damals noch sehr naiv...

In den nächsten Monaten wiederholten sich solche Szenen noch oft. Auch die Stimmung von Dietmar war sehr wechselhaft. Mal war er wieder so wie früher, lebenslustig, geistreich und ein echter Kumpel. Aber immer öfters kamen Seiten an ihm zum Vorschein, die ich nicht kannte und die mir Angst machten. Mittlerweile war es ein Dauerzustand, dass er keinen Cent mehr in der Tasche hatte und ich lieh im oft Geld oder zahlte in der Mensa sein Essen. Ich glaubte ihm anfangs auch noch seine Geschichten, dass man ihm zum Beispiel am Morgen in der S-Bahn seine Geldbörse gestohlen hatte. Mit der Zeit merkte ich aber, dass er sein Geld für Drogen ausgab.

Dietmar wurde immer unsympathischer. Er, der früher ein so netter, gutmütiger Mensch gewesen war, wurde immer aggressiver. Früher hatte er über Kommilitonen, die ihn nicht mochten, nur gelacht, aber jetzt kam es vor, dass er handgreiflich wurde. Ich sprach ihn natürlich darauf an und wollte ihm klarmachen, dass er sich ändern muss, dass es nicht so weitergehen kann und dass er von den Drogen weg muss. Aber er schaffte es immer, mich irgendwie zu beruhigen. Ich habe wohl 100 mal von ihm gehört, dass er diese ganze Drogenclique nicht mehr treffen wolle und dass er fest vor hat, eine Entziehungskur zu machen. Und ich habe ihm das auch jedes Mal wirklich abgenommen, weil ich einfach glauben wollte, dass alles gut wird.

Aber nichts wurde besser. Ganz im Gegenteil. Irgendwann hatte wohl Dietmars Freundin von ihm und seinen Lügen die Schnauze voll und hat ihn verlassen. Das hat ihm wohl endgültig den Boden unter den Füssen weggezogen. Auch wenn er nicht immer treu war, hat er sie doch ziemlich geliebt. Von da an kam er fast gar nicht mehr an die Uni. Ich habe immer alle Unterlagen nachhause gebracht und auf ihn eingeredet, dass er nicht einfach alles hinwerfen darf.

Bis er eines Tages völlig durchgedreht und mir ins Gesicht geschlagen hat. Es ging, glaube ich, wieder Mal darum, dass er Geld brauchte, ich ihm aber nichts mehr geben wollte. Er hat sich auch nicht bei mir entschuldigt. Von dem Tag an war er für mich gestorben. Dietmar war einfach nicht mehr der Mensch, den ich gekannt und geachtet hatte. Sein ganzes Leben bestand nur noch aus Drogen und der Angst, dass er nicht genug Geld für den nächsten Trip zusammenkratzen kann. Wir hatten seit dem Vorfall keinen Kontakt mehr zueinander. Dietmar erschien überhaupt nicht mehr zu den Vorlesungen, nahm an keinen Prüfungen teil und wurde folglich nach einem Jahr exmatrikuliert.

Ich habe nie mehr von Dietmar gehört und weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist. Heute mache ich mir oft Vorwürfe. Ich hätte ihm irgendwie helfen müssen, ich hätte ihn als sein Freund nicht so im Stich lassen dürfen. Aber was hätte ich schon unternehmen können, damit er von diesen Scheißdrogen weggekommen wäre?

Anregungen für Fragen zu einem Gesprächseinstieg:

  • Wie hat sich der Verfall dieses Freundes gezeigt?
  • Was könnten die Hintergründe gewesen sein?
  • Was hättest Du gemacht?
  • Wie würde eine Hilfe Deiner Meinung aussehen können? Gibt es Hilfe?

Lernziel:

  • Es gibt Situationen im Leben, die einen umwerfen und völlig aus der Bahn werfen.
  • Das kann bei einigen Menschen dazu führen, dass sie zum Alkohol, oder zu Drogen greifen.
  • Der Verfall ist unmerklich, daher auch von vielen nicht gleich ersichtlich. Auch selbst will man diese „Abhängigkeit“, diesen „eigenen Verfall“ sich nicht eingestehen und schon gar nicht zugeben.
  • Hilfe anbieten bzw. Hilfe annehmen wäre wichtig.

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