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Jungen in Gefahr – Das seelische Leid unserer Jungen

Der von der Stiftung Männergesundheit und den Deutschen Krankenversicherungen veröffentlichter Männergesundheitsbericht aus dem Jahr 2013 zeigt ein besorgniserregendes Bild. Der Abschnitt in dem es um Kinder und Jugendlichen bei uns in Deutschland geht ist sehr bedenklich. Er trägt den Titel „Sorglos oder Unterversorgt“ und es sieht tatsächlich so aus, also würde vor allem unsere männliche Jugend eine sehr hohe Anzahl psychischer Erkrankungen aufweisen. Was sind die Gründe dafür und wer muss die Verantwortung übernehmen?

Diskriminierende Gesellschaftsstrukturen

Jungen
Junge sein dürfen | ©: www.praxis-jugendarbeit.de

Die Gruppe psychisch Erkrankter ist bei den Jungen wesentlich größer, als bei den Mädchen. Es sind erheblich mehr von psychischen Krankheiten betroffen. Dieser Umstand hat mehrere Gründe. Die meisten Forscher sehen vor allem unsere Gesellschaft in der Verantwortung, sowohl die Erziehung, unsere Werte und als auch unser Schulsystem sind für die Jungen nicht gerade ideal.

All das ist eher auf die weiblichen Bedürfnisse abgeschnitten. Unsere Konventionen, Regeln und Maßstäbe ergeben sich aus der Geschichte, aus unseren Erfahrungen, was nicht bedeutet, dass sie richtig sind. Es ist immer eine gute Idee die Ansichten und Konventionen einer Gesellschaft zu hinterfragen. Ganz direkt gefragt, haben wir eine zu feministische Gesellschaft?

Dominanz, Aggressivität und weitere "böse" Eigenschaften

Unsere Jungen fallen ständig aus dem Rahmen unserer Regeln, wir wollen keine Aggressivität, keine Dominanz und vor allem sollen unsere Kinder gehorchen. Leider ist dies aber eine absolut Fehlannahmen, sowohl Hirnforscher als auch Psychologen sind seit längerem völlig anderer Meinung.

Es gehöre zum ganz normalen Prozess des Erwachsenwerdens, dass ein junger Mann seine Dominanz und auch seine Aggressivität ausleben darf. Dabei haben diese Eigenschaften nicht durchweg nur schlechte Seiten, beide haben auch ihr Gutes. Dominanz hat zum Beispiel viel mit Selbstvertrauen und Führungskompetenzen zu tun.

Kart fahren begeistert Jungen
Kart fahren begeistert Jungen | ©: www.praxis-jugendarbeit.de

Die Jungen möchte ihr Potenzial entfalten, die Welt entdecken und erforschen, ihren ganz eigenen Weg gehen. Wenn ein Junge zum Beispiel Stühle aufeinander stapelt, dann ist das kein Fehlverhalten, sondern ein statisches Experiment. Stattdessen fallen sie mit ihren ganz normalen genetischen Anlagen ständig aus der Reihe, ihnen wird dann oft vorgeworfen, sie könnten sich nicht anpassen. Durch diesen Druck, sich der Norm anpassen zu müssen werden ihre grundlegendsten Bedürfnisse zurückgewiesen, was sehr belastend werden kann.

Dieser Druck führt dann sehr häufig zu noch mehr abweichendem Verhalten und zu noch mehr Zurückweisung, ein Teufelskreis beginnt. Wenn sie es dann doch schaffen wollen in unserer Gesellschaft zu überleben, so müssen die meisten sich verbiegen, sich anpassen, sie dürfen nicht sie selbst sein. Durch unsere gesellschaftlichen Konventionen werden sie daran gehindert ihre ureigensten Triebe auszuleben und dann heißt es, mit diesen Jungen stimmt was nicht.

Eine Schule für nur einen Sinn

Ein ganz großes Problem hierbei ist unser Schulsystem, es ist hauptsächlich auf weiblich Bedürfnisse ausgerichtet. Wahrscheinlich nicht bewusst, aber das System arbeitet größtenteils so, dass es für Mädchen erheblich leichter ist. Das lässt sich schon an der Anzahl der Abiturienten erkennen, es sind wesentlich mehr werdende Frauen. Auch brechen Jungen häufiger die Schule ab oder landen auf Sonderschulen. Der in unseren Schulen laufende Unterricht findet meistens über den auditiven Sinnenskanal, das Hören statt. Nun ist es aber so, dass Jungen tendenziell eher über den Visuellen Sinneskanal, also über das Sehen die Welt begreifen und verstehen. Wenn jetzt der Unterrichtsstoff zum großen Teil durch mündliche Erklärungen stattfinden, was in den meisten Fällen so ist, dann schalten viele der Jungen einfach ab. Ihr Gehirn kann die vielen gehörten Worte einfach nicht so schnell verarbeiten, ihr Gehirn funktioniert auf eine andere Art und Weise.


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Das Buch von Birgit Gegier Steiner ist zu empfehlen. Es ist einfach zu lesen und beinhaltet viele Beispiele. Ich bin mir sicher dieses Buch hilft so manche Eltern dabei ihren Sohn besser zu verstehen. Vor allem die Mütter, denn die Väter können sich vielleicht auch noch selbst an ihre Zeit als Junge zurückerinnern – obwohl es manchmal scheint, dass Väter sehr schnell vergesslich werden können.

Wer die Jungs verstehen lernt und sie dort abholt, wo sie gerade stehen, der wird eigentlich kaum Probleme haben sie zu begeistern und zu fördern. Die Jungs werden es Ihnen danken.

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Das männliche Geschlecht ist ganz klarer Verlierer unseres Schulsystems. Jungen sind durch ihren hohen Testosterongehalt im Blut wesentlich lebhafter, haben einen höheren Drang sich zu bewegen und aktiver zu sein. Sie wissen einfach nicht wohin mit ihrer ganzen Kraft, wenn sie den ganzen Tag auf einem Stuhl sitzen sollen. Dadurch, dass Jungen dann auch noch mit ihren Gefühlen eher nach außen gehen, im Gegensatz zu Mädchen, die eher nach innen gehen und ihre Gefühle nicht so stark zum Ausdruck bringen, werden sie als aggressiv und uneinsichtig von ihren Lehren wahrgenommen. Schon wieder werden sie zurück gewiesen. Dadurch fühlen sich viele Jungen ungerecht behandelt und das auch mit gutem Grund.

Wir treiben unsere Kinder in den Wahnsinn, das wir ihre ureigene Triebe unterdrücken, zerreißt sie innerlich. Wir müssen weg von den normierten Schulklassen und hin zu einer freien und offenen Schule.Wir müssen unser System anpassen und es vor allem den Erkenntnissen der Hirnforschung aus den letzten 30-50 Jahren anpassen, denn soweit liegen wir im Rückstand. In einer optimalen Unterrichtsstunde, so Forscher, müssen sich die Kinder viermal bewegen, dreimal laut lachen und mindestens ein mal muss Chaos herrschen. Das sind alles Dinge die unser Gehirn stimulieren, die uns helfen, Wissen nachhaltig aufzunehmen und besser zu verstehen.

Tatsächlich ist es aber auch so, dass die Mädchen, genauso wie die Jungen, von einem neueren, modernerem Schulsystem profitieren würden. Ein Beispiel für bessere Schulen ist das Konzept der Lernbüros, dort gibt es keine Klassenräume mehr, sondern Gemeinschaftsräume. Jeder kann selbst aussuchen, wann er was, wo und mit wem lernen möchte. Die Zehntklässler helfen den Achtklässlern und wenn es mal gar nicht geht, dann ist immer noch ein Lehrer da. Es gibt keine Klassenarbeiten, sondern wenn ein Schüler meint er könne etwas, holt er sich einen Test und bekommt nach bestandener Arbeit ein entsprechendes Zertifikat. Es ist auch kein Problem mit dem Vater 10 Tage segeln zu fahren, denn wenn man wiederkommt, hat man nichts verpasst und kann dort weiter machen, wo man aufgehört hat.

Was die Erziehung damit zu tun hat

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Junge ziemlich cooler Auftritt
©: Andrey Kiselev - Fotolia

Der wichtigste Aspekt dabei ist aber das häusliche Umfeld. Ist ein Junge heute unruhig oder Hyperaktiv, so hat er ADHS und bekommt Medikamente. Das sind dann die Jungen, die sich nicht von Gesellschaft haben verbiegen lassen. Was früher als Zappelphilipp galt, ist heute eine Krankheit. Ein Junge bekommt dann das Gefühl, er funktioniere nicht richtig, obwohl er sich ganz natürlich verhält. Diese Verhaltensweisen wie Hyperaktivität, Aggression und Dominanz sind in unsere Gesellschaft einfach unerwünscht, sie gehören aber genauso zur männlichen Entwicklung, wie die Äste an den Baum.

Die Männlichkeit ist damit einer der stärksten Stressfaktoren für junge Männer. Insbesondere im sexuellen Bereich, die erste Menstruation ist bei Frauen etwas ganz normales, die meisten Mädchen sprechen mit ihrer Mutter darüber. Der ersten Samenerguss allerdings, ist sehr mit Scham besetzt und kaum ein Junge würde es wagen mit seinem Vater darüber zu sprechen. Auch fällt das outen einer Homosexualität dem männlichen Geschlecht wesentlich schwerer. Der Grund liegt dabei meist in der Tabuisierung von Gefühlen bei Männern. Es muss den Jungen vorgelebt werden, dass auch ein Mann seine Gefühle frei äußern darf, ohne dabei seine Männlichkeit einbüßen zu müssen.

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Jungen haben auch ihre Träume und Nöte
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Da Jungen ihre Probleme meist nicht so offen wie Mädchen zeigen, werden ihre Sorgen, Nöte und Ängste auch meistens übersehen. Daher gilt es für Eltern gut zuzuhören und genau hinzusehen. Am besten ist es immer noch ein gutes Vorbild zu sein. Gerade Väter dürfen nicht immer den Helden spielen, müssen Schwächen zeigen können, offen sein und auch Gefühle zulassen. Kinder lernen das, was ihre Eltern ihnen vorleben, bei den Jungen sind da besonders die Väter gefragt. Man kann einem Kind alle guten Ratschläge geben, wenn man es ihm nicht vorlebt, dann wird kaum ein Rat seinen Zweck erfüllen.

Die Geschlechtsunterschiede müssen einfach beachtet werden, in allen Bereichen ob Schule, Erziehung oder Medizin. Eines der größten Probleme dabei ist die fehlende Lobby, denn es gibt bisher kaum eine Lobby für Jungen und Männern. Die Frauen und Mädchen haben da bereits seit den 70er Jahren eine immer stärker wachsende Interessenvertretung. Allerdings gibt es für die Jungen einen Hoffnungsschimmer am Horizont, denn im Beruf später sind eher weniger die Anpassungsfähigkeit gefragt, als viel mehr Kreativität und Ideenreichtum. Sie müssen „nur“ bis dahin oft sehr viel Leid und Schmerz ertragen, was niemand für gerecht halten kann.

Jungenarbeit in der Jugendarbeit

Reiterkampf im Wasser
Reiterkampf im Wasser | ©: www.praxis-jugendarbeit.de

Brave Jungs sind sicher pflegeleicht. Aber was bewirkt das Brav sein? Duckmäusertum, mangelndes Selbstvertrauen, Unsicherheit und Angst sind das Ergebnis. Zwar wirken Jungen oft sehr cool und sind im Gegensatz zu Mädchen viel sorgloser, aber die Jungs haben ebenfalls große inneren Ängste, Sorgen und Probleme und sind dem oben genannten Report zufolge häufiger verhaltensauffälliger und mit psychischen Problemen belastet als Mädchen.

Ein Junge weint nicht, ein Junge muss stark sein – diese Ideale sind weitverbreitet und prägen das Jungenbild – und verursachen Stress, weil das ständige sich beweisen müssen die Jungen unter eine enorme Anspannung stellt. Dabei sind Jungs genauso sensibel wie Mädchen – nur wird dies als Schwäche ausgelegt. Von daher versuchen Jungs diese Schwächen und Unsicherheiten und inneren Nöte zu verschweigen bzw. zu vertuschen. So mancher Junge greift zur Flasche oder zu Drogen, oder versucht durch Aggressivität seine psychischen Probleme zu überspielen bzw. zu verdrängen. Niemand erkennt die Not dahinter…

Jungengruppen für Jungs
Jungengruppen für Jungs | ©: www.praxis-jugendarbeit.de

Hinzu kommt, dass Jungen oft nicht so sein dürfen wie sie gerne wären, denn Kräfte messen, Kämpfe und Rangeleien sind bei vielen Jugendleitern bzw. Pädagogen verpönt und negativ besetzt. Es fehlt die Wertschätzung für diese Jungen. Wer nie streiten darf, der wird es auch später im Leben mal schwer haben sich durchzusetzen, zu beweisen. Stattdessen wird ausgegrenzt und gemaßregelt. Viele Jungen flüchten sich dann oder auch in Computerspiele, sind regelrecht computersüchtig und schalten dann ab. Leben in ihrer eigenen Welt, laut Statistik sind Jungs 10x mehr als Mädchen computersüchtig.

Ich finde es wichtig, wenn in der Jungenarbeit entsprechende Kampf- und Raufspiele, die Jungs herausfordern gespielt werden können. Und wer es bisher noch nicht sein durfte, der darf endlich Junge sein. Anstatt sich in Computer-Adventurespielen zu flüchten, sollten entsprechend spannende Geländespiele, Wald- und Adventurespiele angeboten werden. Sogar mehrtägige Hikes bzw. Spiele sind – wenn sie gut vorbereitet und organisiert sind – bleibende Erinnerungen. Dies ist zugegeben eine anspruchsvolle Aufgabe, denn die Jungs auf Trab zu halten und ihren Bewegungsdrang herauszufordern erfordert Ideenreichtum.

Selbstverständlich sollte in einer Jungengruppe auch eine Gesprächsatmosphäre herrschen, die auf die Fragen und Nöte der Jungen eingeht, wo ein Vertrauen besteht sich öffnen zu können, aber ggf. auch seelsorgerliche Einzelgespräche führen zu können. Denn der Jugendleiter ist oft eine Vertrauensperson, an welchen sich ein Junge noch vor Vater oder Mutter wendet.

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