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YouNow: harmloser Hype oder gefährlicher Trend?

Auf der Suche nach Anerkennung  Bild: 39343372
Auf der Suche nach Anerkennung
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Obwohl es die Plattform YouNow bereits seit drei Jahren gibt, erlebt sie in Deutschland erst seit etwa Weihnachten 2014 einen wahren Hype. Genutzt wird YouNow vor allem von jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren und in zunehmendem Maße von jüngeren Teenagern. Aus mehreren Gründen, etwa wegen des zu laxen Umgangs mit Alterskontrollen, kritisieren Jugendschützer die Plattform. Der Beliebtheit von YouNow unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen tut das jedoch keinen Abbruch.

Was ist YouNow?

Bei YouNow handelt es sich um einen Streaming-Dienst, bei dem die User mit quasi 2-3 Klicks online im Internet sich zeigen können. Es wird lediglich ein internetfähiger Rechner samt Webcam & Micro benötigt, oder alternativ ein Smartphone, auf der die YouNow-App installiert ist. Sozusagen kein Aufwand und Kenntnisse sind notwendig.

Um Videos zu veröffentlichen benötigen die User lediglich ein Google-Konto oder alternativ einen Account bei Facebook oder Twitter. Darüber hinaus bietet YouNow eine Chat-Funktion, über welche die Zuschauer Videos kommentieren können und mit demjenigen, der sie gemacht hat, in Verbindung treten können.

Facebook und Co.: Kinder / Jugendliche und die sozialen Netzwerke  Bild: 51836927
Facebook und Co.: Kinder / Jugendliche und die sozialen Netzwerke
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Das macht YouNow für Jugendliche attraktiv

Gerade das einfache Handling macht die Plattform für Jugendliche attraktiv. Denn sie müssen das Video nicht erst aufwändig aufnehmen, nachbearbeiten und zu einem späteren Zeitpunkt hochladen, sondern können mit ihrem Smartphone direkt loslegen.

Zudem wurde als Neuerung auf YouNow im Frühling 2015 eingeführt, dass die Macher der Videos über virtuelle Geschenke Geld verdienen können. Die Zuschauer können entweder kostenpflichtig likes verteilen oder vorab „virtuelle Goldbarren kaufen“, die sie den Video-Produzenten schenken können. Die Preise der Goldbarren variieren je nachdem, wie viele der Nutzer kauft. Beispielsweise kostet ein Paket mit 6.500 Barren 37,99 Euro. Für die Produzenten ergeben sich dadurch nach den Erfahrungen aus den USA Verdienstmöglichkeiten bis zu einigen Hundert Euro pro Stream. Im Gegenzug für die virtuellen Geschenke werden üblicherweise die Nachrichten dieser Zuschauer bevorzugt beantwortet oder sie rücken in der Fanliste an eine prominente Stelle, sozusagen erhalten einen VIP-Platz.

Darum steht YouNow in der Kritik

Die Plattform YouNow steht bei Jugendschützern aus mehreren Gründen in der Kritik. Das sind die Haupt-Kritikpunkte:

Aufklärungskampagne Sexting
Aufklärungskampagne Sexting: Sexting kann dich berühmt machen.
Auch wenn du es gar nicht willst.
Quelle und ©: www.projuventute.ch/sexting

Leichtfertiger Umgang im Netz

Eine Gefahr besteht darin, dass sich etwa Pädophile oder Stalker das Vertrauen minderjähriger User durch Geschenke und im Chat erschleichen könnten. Die möglichen Opfer könnten dadurch dazu verleitet werden, persönliche Daten wie Namen, Telefonnummer oder Anschrift zu verraten und sich damit möglicherweise ernsthafte Probleme einhandeln, wenn sie sich beispielsweise auf ein persönliches Treffen einlassen.

Datenschutz und Rechte

Wird etwa auf einer Party oder im öffentlichen Raum ein Video gedreht, verletzen die Macher möglicherweise die Rechte Dritter. Das ist der Fall, wenn andere Personen auf den Bildern zu erkennen sind. Auch wenn Musik im Hintergrund läuft kann das ein Problem darstellen, weil unter Umständen die GEMA nachträglich Gebühren für die Verwendung der Musik einfordern könnte. Beides kann für die vielleicht arglosen Macher der Videos teure Folgen haben.

Scheinwelt – käufliche Zuneigung bzw. Anerkennung

Ein weiterer Kritikpunkt sind die kostenpflichtigen, virtuellen Geschenke. Weil Zuschauer, die für ein Video bezahlen, bevorzugt behandelt werden, werden Jugendliche allzu leicht verleitet, mit einem Geschenk auf sich aufmerksam zu machen. Sie erhalten also das Gefühl - oder werden darin bestärkt - dass Zuneigung käuflich sei. Auch werden sie möglicherweise dazu verleitet, viel zu viel Geld auszugeben. Sie können nämlich theoretisch denselben Zahlungsweg nutzen wie ihre Eltern, wenn diese das Smartphone des Jugendlichen genutzt haben, um beispielsweise eine App zu bezahlen.

Nutzerbindung

YouNow hat es auch geschafft, die Nutzer an sich zu binden. Denn die virtuellen Coins kann sich jeder auch verdienen durch Anwerbung neuer Mitglieder. Oder durch möglichst lange Onlinezeiten des eigenen Videostreams. Was natürlich dazu führt, dass die Jugendlichen lieber Zeit in YouNow verbringen sollen, als vielleicht zum Lernen, oder sich mit Freunden auf dem Fußballplatz zu treffen. Die Angst vor „Positionsverlusten“, das Streben nach Anerkennung, vielleicht auch mal berühmt werden, oder das ganz große Geld zu verdienen, verleitet dann dazu, dass die Jugendlichen den Livestream zu ihrem Lebensmittelpunkt machen.

Fazit

Auf die erste Welle der Kritik hat der Anbieter bereits reagiert, indem etwa verboten wurde, dass sich die Macher der Videos vor der Kamera entblößen und die Altersbeschränkung für die Anmeldung auf 13 Jahre heraufgesetzt wurde. Allerdings werden die Altersbeschränkungen noch zu schwach umgesetzt, die Alterskontrolle bei der Anmeldung etwa erfolgt durch ein Pop-up-Fenster mit der Frage, ob der User schon 13 Jahre oder älter sei. Aber das ist auch alles und beeindruckt sicherlich keinen unter 13-jährigen Jugendlichen.

YouNow: Themenumsetzung für die Jugendarbeit

Eine Gruppenstunde über das Thema YouNow kann ich mir gut vorstellen. Das Ziel sollte sein, dass den Jugendlichen klar wird, welche Gefahren sich hinter dieser sehr einfachen Präsentation im Netz verbergen können. Auch könnte man mit den Jugendlichen gemeinsam erarbeiten, was für Beweggründe existieren um sich im Netz auf diese Art & Weise präsentieren zu wollen. Und zum Abschluss noch ein paar Verhaltenstipps.

Mögliche Beweggründe

  • Der Jugendliche fühlt sich als Versager in der Schule oder im Beruf und flüchtet in die Scheinwelt YouNow. Dort erhält er die notwendige Aufmerksamkeit und Anerkennung, bzw. kann sich diese auch mit genügend Geld erkaufen.

  • Der Jugendliche möchte auch einmal ganz oben stehen im Leben. Wenigstens in YouNow kann er sich dies erkaufen, indem er sich einen Platz ganz oben in den VIP-Rängen verschafft. Sein Name wird genannt, steht ganz oben. Diese Aufmerksamkeit ist ihm im normalen Leben nicht zuteil geworden.

  • Kontakte lassen sich im Internet anonym viel besser knüpfen als face to face im realen Leben. Im normalen Leben leidet der Jugendliche vielleicht unter Kontaktschwierigkeiten, hat Hemmungen und Ängste auf andere Menschen (Mitschüler, Erwachsene, etc.) zuzugehen und fühlt sich sehr unsicher in einer größeren Gruppe.

  • Viele Likes, viele Zuhörer, viele Geschenke – viel Anerkennung (scheinbar)

Mögliche Gefahren sind:

  • Pädophile oder Stalker versuchen das Vertrauen zu erschleichen und würden irgendwann auch sich treffen wollen (bzw. einem Treffen zustimmen), oder warten geduldig bis Du solch ein Treffen vorschlägst.

  • Geldausgeben für den Kauf von Anerkennung, damit wächst die Gefahr keinen wirklichen Bezug zum Geld zu haben.

  • YouNow als Scheinwelt: hier bin ich jemand, kaufe mir Anerkennung – in der realen Welt fühle ich mich als Versager. Damit lernt der Jugendliche nicht, sich später einmal im realen Leben zurechtzufinden.

  • Der Realitätsverlust ist groß, das Streben nach Anerkennung, virtuellem Geld kann den Jugendlichen dazu verleiten Dinge zu tun und zu sagen, die das Netz niemals vergisst. Denn Mitschauen kann bei YouNow jeder, mitschneiden auch. So ist Mobbing hier Tür und Tor geöffnet. Viele Kids sind hier viel zu naiv. Selbst wenn zunächst alles glatt läuft, doch Jahre später kann wie bei Facebook, bzw. entsprechende Forenposts das einmal Gepostete oder Gezeigte zum Verhängnis werden. Dann nämlich, wenn man sich auf eine Stelle bewerben will. Viele Personaler recherchieren im Internet nach solchen Einträgen um sich ein „Bild vom Bewerber“ zu machen.

Tipps

  • keine Kontaktdaten preisgeben, kein eMail, keine Telefonnummer, keine Handynummer, keine Wohnadresse, kein Bild deiner Wohnumgebung zeigen, keinen Schulnamen, Vereinsnamen etc. nennen.

  • Auch niemals Namen von Freunden nennen, denn durch Querchecks über deren Accounts und Forenposts lassen sich gut Rückschlüsse auf Deinen Wohnort und womöglich Namen & Adresse ableiten.

  • Niemals ein Treffen vereinbaren (da müssten die Alarmglocken schrillen)

  • Keine nackte Haut zeigen (und wird man dazu aufgefordert, sollten auch die Alarmglocken schrillen)

  • Keine Musik nebenher laufen lassen (wegen den richtig teuren GEMA Gebühren)

  • Keine Streams aus dem Klassenzimmer oder mit unbeteiligten Personen, bzw. Personen unter 13 Jahren.

  • In-app-Käufe deaktivieren um nicht Tür und Tor für ein finanzielles Desaster zu öffnen.

Hilfe geben

Die Suche nach Anerkennung, nach Freundschaften, nach Wertschätzung ist ein Bedürfnis, welcher jeder Mensch in sich trägt. Wenn es uns gelingt den Kindern und Jugendlichen Wertschätzung und Anerkennung entgegenzubringen, dann werden diese es nicht nötig haben, sich die Anerkennung durch unüberlegte Handlungen und Präsentation im Internet auf anonyme und virtuelle Art zu holen.

Ein Gespräch über die (psychologischen) Beweggründe und das Aufzeigen der (möglicherweise vorhandenen) inneren Nöte, schafft das Bewusstsein und das selbstkritische Hinterfragen warum, weshalb und wie man sich zukünftig in YouNow präsentieren will. Denn wer sich selbst und seine wahren Beweggründe kennenlernt und hinterfragt, hat den ersten Schritt in die richtige Richtung getan.

Hilfreiche Adressen, Beispiele und weitere Informationen:

Mai 2015


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