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Jugendarmut – längst nicht mehr am Rande der Gesellschaft

Alle zwei Jahre veröffentlicht die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAGKJS) den Monitor Jugendarmut. So auch im Jahr 2022. Der Monitor Jugendarmut ist ein faktenbasierter Bericht über die Ist-Situation junger Menschen bis 25 Jahre in Deutschland inklusive Prognosen zur Zukunft von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Beibehaltung der aktuellen Entwicklung. Gleichzeitig kommen aber auch Experten zu Wort, die aufzeigen, was geändert werden sollte, um die jetzige Situation in eine positivere Richtung zu lenken. Dass dies notwendig ist, zeigen die nackten Zahlen im Monitor Jugendarmut 2022.

Jung und arm in einem reichen Land

Jugendarmut: Armut besitzt viele Gesichter
Jugendarmut: Armut besitzt viele Gesichter
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Armut besitzt viele Gesichter. Doch junge arme Menschen lernen gerade in einem reichen Land wie Deutschland schon von klein auf, dass es besser ist, die eigene Armut zu verstecken. Soweit dies möglich ist. Natürlich sind Kinder und Jugendliche nicht von sich aus arm. Sie haben die Armut geerbt. Wenn es im Elternhaus an allem fehlt, was das Leben in einem der reichsten Industrienationen der Welt eigentlich ausmachen sollte. Wenn sich die Sorgen und Ängste der Erwachsenen täglich widerspiegeln, wie denn das Leben mit knappen Mitteln bewältigt werden soll. Das überträgt sich in besonderem Maße auf Kinder, deren Hauptaufgabe es eigentlich ist, zu lernen, um für das kommende Leben gewappnet zu sein. Rund ein Viertel aller Menschen unter 25 Jahren in Deutschland lernen zunächst einmal, dass sie benachteiligt sind, und zwar überall.

Arme Kinder lernen von ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten, wie alle anderen Kinder auch. Doch unterscheidet sich der Lerninhalt von Kindern aus armen Haushalten erheblich von den Haushalten, deren monatliches Einkommen ausreichend ist. Arme Kinder lernen als erstes, den Mangel zu verwalten. Doch der Mangel ist ein schlechter Lehrer. Armut kann kein guter Lehrer sein, denn die Mittel sind begrenzt. Wie kann ein Kind lernen, mit den vorhandenen Geldern zu haushalten, wenn diese ein Haushalten im ökonomischen Sinn gar nicht zulassen? Wenn, statt einer Planung der Mittel, nur eine gerade so einzuhaltende monatliche Zielsetzung vorhanden ist. Das Ziel ist es beispielsweise, die monatlichen Fixkosten decken zu können. Darüber hinaus bleibt nichts, was verplant werden könnte.

Der Unkostenbeitrag für den Schulausflug. Lernmittel über das schulische Minimum hinaus. Freizeit, wie mal ein Eis essen gehen oder den neuesten Kinoblockbuster tatsächlich in einem Kino anzusehen, in vielen armen Haushalten eine sehr seltene Freiheit. Ebenso gehört Mode dazu, wenn auch gerade ältere Erwachsene dies meist als unnötig erachten. Kinder und Jugendliche sind viel stärker in Gruppen eingebunden als Erwachsene. Kinder lernen durch Vergleiche und bilden so unter anderem ihr eigenes Selbstbewusstsein aus. Das aber bleibt auf der Strecke, weil arme Kinder in solchen Vergleichen immer den Kürzeren ziehen. Markenjeans gegen Klamotten vom Wühltisch aus dem Discounter. Die Folge ist, arme Kinder ziehen sich aus den Gruppen zurück und haben so geringere Chancen.

Entscheider haben nur wenig Interesse an den Nöten von armen Kindern und Jugendlichen

Das Durchschnittsalter aller Bundestagsabgeordneter liegt aktuell bei 47,3 Jahren. Das Durchschnittsalter der Bundesregierung im Jahr 2022 liegt bei 50,4 Jahren. Damit sind die politischen Entscheider altersmäßig von der Gruppe der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen doch recht weit entfernt. Aber nicht nur bezüglich des Alters. Kinder bis 18 Jahre sind schon aus wahltaktischer Sicht keine interessante Gruppe, für die es sich einzusetzen lohnt.

Die altersmäßig größte Gruppe in Deutschland ist zwischen 50 und 70 Jahre alt und bestimmt den politischen Kontext. Sie entscheiden an den Wahlurnen über die politische Ausrichtung des Bundes und der Länder. Noch ein Faktum trägt dazu bei, dass sich viele Politiker dem Thema Jugendarmut entziehen. Nur gerade einmal 10,6 % aller Bundestagsabgeordneten besitzen einen Hauptschulabschluss. Dies jedoch ist die Schulform, in der die meisten armen Kinder und Jugendlichen auf das Leben vorbereitet werden.

Haben arme Kinder wirklich die freie Wahl bei der Bildung?

Dass eine gute Bildung und Ausbildung die beste Voraussetzung ist, sich ein relativ sorgenfreies Leben aufzubauen, steht wohl außer Frage. Doch vielen armen oder armutsgefährdeten Kindern steht der Weg zu höherer Bildung in Deutschland aus sozialen Gründen nicht offen. Aus armen Haushalten heraus bildet sich für Kinder schon in den Anfangsjahren eine Kette von zusammenhängenden Benachteiligungen. Das fängt zum Beispiel mit weiteren Familienmitgliedern an. Sie sind die erste Quelle für eventuell vermittelbares Wissen. Doch wo kein oder nur ungenügend Wissen vorhanden ist, kann dieses an das Kind auch nicht vermittelt werden.

Im deutschen Schulsystem setzt sich das in der Weise fort, dass bei Prüfungen eher schlechte Noten erreicht werden, weil armen Kindern eine entsprechende Lernkultur fehlt. In vielen anderen Ländern werden schlechte Noten eines Kindes durch zusätzliche Lernhilfen und kostenlosen Lernmittel im Rahmen des Schulunterrichts verbessert. In Deutschland dagegen sprechen in vielen Hauptschulen die Lehrer Empfehlungen an die Eltern aus, ihr Kind nicht auf die Realschule oder das Gymnasium zu schicken. So manchen Eltern ist dies durchaus recht, denn die Neben-Kosten für den Aufwand etwa eines Realschulbesuchs erhöhen sich. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Fakt besteht darin, dass Eltern eine höhere Bildung als die eigene bei ihren Kindern nicht immer für gut befinden.

Die Corona-Pandemie sowie die Inflation aufgrund des Ukraine-Krieges haben die Situation zusätzlich verschärft.

Was kann getan werden, um Armut und Armutsgefährdung bei Kindern abzubauen?

Der erste und wichtigste Schritt ist einfach. Das Haushaltseinkommen der Familien verbessern. Es ist zugleich der Schritt, der in der Politik den größten Widerstand entfacht, abgesehen von unzähligen Lippenbekenntnissen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind eine undankbare Klientel in Bezug auf Wählerstimmen, unter ihnen finden sich die meisten Wechselwähler. Sie stellen zudem nach den über 80-Jährigen die kleinste Wählergruppe dar.

Von der Politik dürfte dementsprechend in der Zukunft nicht viel zu erwarten sein, was die Armut von Kindern bekämpft. Es sei denn, armutsgefährdete Kinder und Jugendliche machen sich in der Öffentlichkeit mit ihren Anliegen stärker bekannt. Hierbei ist es wichtig, dass das Thema eine positive Grundstimmung behält. Wie bereits erwähnt, ist die wahlentscheidende Gruppe der 50- bis 70-Jährigen von den Gedankengängen junger Menschen weit entfernt. Vielleicht hilft es, die Menschen dieses Alters an die eigene Jugend zu erinnern und Vergleiche zu ziehen. Richtig rübergebracht, werden viele ältere Menschen feststellen, dass sie es als Kinder und Jugendliche weit besser hatten als die heutige Generation und ihre Stimme den PolitikerInnen geben, die die Jugendarmut verstärkt auf ihrer Agenda haben.

Dezember 2022

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