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Soziale Phobie – Hilfe, mein Kind ist schüchtern

Sozialphobie - Angststörung
Soziale Phobie - Angststörung | ©: 2012 Fasphotographic - Fotolia

Die meisten Kinder kennt man als kontaktfreudig, aufgeschlossen und absolut nicht schüchtern. Doch es gibt immer wieder Ausnahmen. Damit sind Kinder gemeint, die immer etwas abseits der Gemeinschaft stehen und Schwierigkeiten haben, mit anderen Kindern (und häufig auch Erwachsenen) in Kontakt zu kommen. Früher sprach man bei diesem Phänomen schlicht und einfach von Schüchternheit, heute bezeichnet man es – zumindest bei extremer Ausprägung – als soziale Phobie bzw. Sozialphobie.

Doch was ist eine Sozialphobie eigentlich genau?

Man zählt die Sozialphobie zu den klassischen Angststörungen und klassifiziert damit ausgeprägte Ängste davor, in sozialen Situationen im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Vor allem die Angst vor einem peinlichen oder beschämendem Verhalten charakterisieren diese Phobie. Das Ganze zeigt sich in der Praxis, indem Menschen mit einer sozialen Phobie nahezu jegliche Art von gesellschaftlichen Zusammenkünften meiden, da sie Angst davor haben, auf Ablehnung zu stoßen und/oder die Anforderungen und Erwartungen der anderen Menschen nicht erfüllen zu können.

Diese Ängste zeigen sich anhand unterschiedlicher Symptome. Der Betroffene reagiert in konkreten Situationen mit Nervosität, abschweifenden Gedanken und einer sogenannten Depersonalisation (Verlust sonst üblicher Persönlichkeitsmerkmale). Begleitet werden können diese Symptome durch körperliche Beeinträchtigungen wie Erröten, Schwitzen, Herzrasen, Krämpfe, aber auch durch häufiges Versprechern, Stottern, Schwindel- und Beklemmungsgefühle.

Um solche Symptome zu vermeiden, versuchen Betroffene, gar nicht erst in für sie schwierige Situationen zu geraten. Sie entwickeln sehr kreative Strategien darin, Zusammentreffen mit anderen Menschen zu vermeiden, ohne dass ihre Angststörung auf den ersten Blick auffällt. Hier gilt: Je größer die Zahl der Teilnehmer einer gesellschaftlichen Zusammenkunft, desto größer ist auch das Vermeidungsverhalten des Betroffenen.

Dadurch kann es zu schwerwiegenden Folgen wie totaler Isolation kommen. Aber auch Begleiterscheinungen wie Depressionen, Abhängigkeiten von Alkohol, Beruhigungsmitteln, Medikamenten usw. können die Folgen der Sozialphobie sein. Dabei werden die eigentlichen Symptome teilweise überdeckt oder sogar verdrängt.

Ursachen und Gründe für soziale Phobien

Die meisten Sozialphobien beginnen in der Kindheit oder Pubertät. Experten unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Ansätzen, mit denen sich die Ursachen für soziale Phobien begründen lassen. Da sind einerseits die verhaltenstherapeutischen Theorien, laut denen soziale Ängste durch Vermeidungskonditionierung bedingt werden. Diese Vermeidungskonditionierung wiederum gründet sich auf das sogenannte Beobachtungslernen. Darunter versteht man ein Beobachten von Situationen, die bei anderen Menschen eine phobische Reaktion auslösen. Durch diese Beobachtung kann auch beim Beobachter eine entsprechende Angst ausgelöst werden.

Werden nach einer solchen Beobachtung keine korrigierenden Erfahrungen gesammelt, kann sich die phobische Störung dauerhaft ausprägen und mit der Zeit immer tiefer reichen. In der Folge setzt dann ein Vermeidungsverhalten ein, das teilweise auch als Sicherheitsverhalten bezeichnet wird. In Verbindung mit einer verstärkten Selbstaufmerksamkeit und anderen Verarbeitungsprozessen, die vor, während und nach der sozialen Situation auftreten können, bildet dieses die drei Faktoren, welche laut dem kognitiven Modell für die Aufrechterhaltung der sozialen Phobie verantwortlich sind.

Das zweite Feld der Erklärungsversuche sind die psychodynamischen Theorien. In diesem Fall geht man davon aus, dass der Betroffene traumatische Erlebnisse und verdrängte psychische Inhalte der Vergangenheit unbewusst in Form einer Angstreaktion reflektiert. Diese traumatischen Erlebnisse können beispielsweise in Form von schmerzhaften Trennungen erlebt worden sein.

Die sogenannte Schamangst besitzt hier eine besonders große Bedeutung. Sie kann wiederum ebenfalls aus dramatischen Ergebnissen in der Vergangenheit resultieren, wenn der Betroffene bloßgestellt wurde bzw. Demütigungen und Zurückweisungen erhielt. Zum Schutz der eigenen Seele vor zukünftigen traumatischen Erfahrungen setzt in der Folge das Vermeidungsverhalten ein.

Und schließlich können auch genetische Ursachen für eine Sozialphobie verantwortlich sein. Studien haben gezeigt, dass bei der Erkrankung des einen Zwillings der andere Zwilling mit einer bis zu 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit ebenfalls an der sozialen Phobie erkrankt. Eine Vererbung von Generation zu Generation halten die meisten Experten dagegen für unwahrscheinlich.

Abhilfemaßnahmen bei sozialen Phobien

Bei einer vermuteten sozialen Phobie gilt es zunächst einen Experten aufzusuchen, der durch verschiedene Tests die einwandfreie Diagnose stellen kann. Anschließend können entsprechende Abhilfemaßnahmen eingeleitet werden.

Bei Kindern mit einer Sozialphobie hat sich eine geeignete Psychotherapie als probates Mittel zur Abhilfe erwiesen. Man spricht dabei auch von der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der immer wieder Verhaltensexperimente durchgeführt werden, durch die negative Bewertungen entsprechender Situation überprüft und durch positivere ersetzt werden sollen. Gleichzeitig muss das Kind bzw. der Jugendliche im Rahmen der Psychotherapie aber auch lernen, Risiken einzugehen und die daraus resultierenden Folgen - zum Beispiel Bloßstellung oder Ablehnung - hinzunehmen bzw. zu ertragen. Oft ist es der eigene Perfektionsanspruch, welcher eine soziale Phobie begünstigt oder festigt. Dieser Perfektionsanspruch kann durch das Akzeptieren entsprechender Reaktionen beim Eingehen von Risiken auf ein normales Niveau gebracht werden.

Ergänzt werden kann die Psychotherapie zum einen durch körperliche Aktivität, andererseits aber auch durch Entspannungsübungen wie Autogenes Training, Yoga oder progressive Muskelentspannung.

Ist die psychotherapeutische Behandlung allein nicht ausreichend, kann sie durch eine medikamentöse Behandlung begleitet werden. Letztere ist allerdings unter Experten äußerst umstritten, da hier in der Regel verschiedene Antidepressiva wie Moclobemid, Escitalopram, Paroxetin, Sertralin und Venlafaxin zum Einsatz kommen. Auch angstlösende Medikamente wie Alprazolam oder Lorazepam haben sich als wirksam bei sozialen Phobien erwiesen, allerdings besteht hier immer die Gefahr einer Abhängigkeit.

Was tun beim Verdacht auf eine soziale Phobie?

Sprechen Sie Ihr Kind gezielt darauf an, ob es sich unwohl im Beisein anderer Menschen fühlt. Wenn ja, machen Sie ihm klar, dass eine solche Angst nicht Schlimmes ist und in den Griff bekommen werden kann. Vermeiden Sie Floskeln wie „Stell dich nicht so an“ oder „Jedem geht es mal schlecht“. Stattdessen motivieren Sie Ihr Kind, sprechen ihm Mut zu und machen ihm deutlich, dass Sie stets ein verlässlicher Ansprechpartner sind.

Umgang in der Jugendarbeit mit Kindern, die eine soziale Phobie haben

Wie gerade aufgezeigt wurde sind soziale Phobien oftmals erlernte Verhaltensmuster, deren Ursachen aus (früh)kindlichen Erfahrungen her resultieren. Die Angst nochmals in eine ähnlich schreckliche, peinliche Situation zu kommen ist groß und daher versucht das Kinder bzw. der Jugendliche solchen Situationen auszuweichen.

Es ist daher wichtig, eine Situation in der Jugendgruppe zu schaffen, dass keinem Kind etwas passiert, falls es sich mal „blamiert“. Ganz wichtig, dass es angstfrei in die Gruppe kommt, dass es akzeptiert wird, wenn es das ein oder andere nicht mitmachen will.

Jeder kann sich selbst einmal überlegen, wo bei einem selbst eine gewissen Phobie (für irgendetwas) vorliegt und worin die Ursachen liegen könnten. Interessant, wenn man bei sich selbst auf Ängste stößt, die einem selbst bis dato unbewusst waren.

Das Kind mit einer sozialen Phobie annehmen, kennenlernen, ernstnehmen und eine angstfreie Gruppensituation schaffen, das müsste die Herausforderung sein.

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