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Psychopharmaka: Werden Kinder einfach krank gemacht?

Vor allem in den USA greifen die Eltern selbst bei kleinen Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder gern zu Psychopharmaka. Wie dramatisch diese Entwicklung ist, lässt sich anhand von aktuellen Zahlen ersehen.

Psychopharmaka
Psychopharmaka bei Kindern
©: I-vista pixelio.de

Immer mehr Kinder gelten in den USA als psychisch krank und werden infolge dessen mit Psychopharmaka behandelt. Dabei werden Verhaltensauffälligkeiten am häufigsten therapiert. Dinci Pennap und einige Kollegen, die an der Universität Maryland arbeiten, haben diese Entwicklung in der Zeitschrift Jama Pediatrics geschildert. So wurden 20% der Kinder in den US-Oststaaten von über 35.000 Kindern die im Jahr 2007 in einer einkommensschwachen Familie geboren wurden, bis zum achten Lebensjahr als psychisch krank eingestuft. Zehn Prozent der Betroffenen wurden bis zum zehnten Lebensjahr mit Psychopharmaka behandelt.

Welche Folgen das langfristig für die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder und die Entwicklung ihres Gehirns hat, lässt sich nicht absehen. Am häufigsten wird ADHS als psychische Erkrankung diagnostiziert. Hierbei ist die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit gestört, was weitere Probleme mit sich bringt. Dazu gehören Lernschwierigkeiten und ein gestörtes Sozialverhalten, aber auch Angst- und Anpassungsstörungen. Hiervon sind vor allem Jungs betroffen. Bei Mädchen werden häufig Angst- und Anpassungsstörungen diagnostiziert. Sowohl Jungs als auch Mädchen sind von einem gestörten Sozialverhalten und Lernschwierigkeiten gleichermaßen betroffen. Depressionen oder Autismus werden dagegen selten diagnostiziert.

Die Langzeitfolgen: unbekannt

Lernschwierigkeiten wurden in den meisten Fällen schon im Alter von drei Jahren diagnostiziert. Etwa 75 Prozent der Kinder, die bis zum achten Lebensjahr behandelt wurden, erhielten Stimulanzien. Ein sedierendes Medikament haben 33 Prozent der Kinder erhalten, 20 Prozent ein beruhigendes oder angstlösendes Präparat. 16 Prozent der betroffenen Kinder bekamen zwei Präparate, vier Prozent sogar drei oder mehr. Aber: Zwei Drittel jener Mittel, die verordnet wurden, sind nicht für Kinder zugelassen und wurden außerhalb jener Verwendungen eingesetzt, welche durch Arzneimittelbehörde FDA genehmigt sind. Langzeitdaten darüber, welche Folgen das haben kann, gibt es nicht. Beispielsweise stellt sich die Frage, welchen Einfluss dieser frühe Einsatz von Psychopharmaka auf die Psyche der Kinder, ihren Stoffwechsel, das Schlafverhalten oder die kognitiven Fähigkeiten hat.

Ebenso erschreckend war für die Autoren die Einnahmedauer – in diesem Zusammenhang ist allerdings nicht geklärt, wie viele Kinder die verordneten Psychopharmaka auch eingenommen haben. Bei dreijährigen Kindern lag die Einnahmedauer im Schnitt bei jährlich 49 Tagen. Bei Siebenjährigen lag die Einnahmedauer durchschnittlich sogar bei 200 Tagen pro Jahr. Erhoben wurden diese Daten über Medicaid. Dabei handelt es sich um ein Programm für die Gesundheitsfürsorge einkommensschwacher Familien. In diesem Programm waren alle Kinder, die bei der Untersuchung berücksichtigt wurden, versichert, weshalb sich die Daten nicht auf andere soziale Schichten übertragen lassen.

Nahezu alle 2007 geborenen Kinder, die in einem Bundesstaat bei Medicaid versichert waren, wurden in der Untersuchung berücksichtigt und über einen Zeitraum von acht Jahren beobachtet. Auffällig ist, dass aus diesem Geburtsjahrgang mehr weiße Kinder als Kinder mit lateinamerikanischen oder afroamerikanischen Wurzeln als psychisch krank eingestuft wurden, 334 der untersuchten Kinder leben in Pflegeeinrichtungen, bei ihnen wurde auch häufiger eine psychiatrische Diagnose gestellt. Auch die Einnahmedauer von Psychopharmaka war länger als bei Kindern, die in ihrem Zuhause lebten.

Deshalb fordern die Autoren auch langfristige Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit der genannten Behandlungen. Meist würden Medikamente wegen Verhaltensauffälligkeiten verordnet, weshalb das Nutzen-Risiko-Verhältnis sorgfältig abgewogen werden müsse. Denn weil der Umgang mit Psychopharmaka äußerst lax sei, könne sich dadurch ein massives Gesundheitsproblem für die USA ergeben.

Verhaltensauffällige Kinder

Was die Studie nun nicht aussagt ist oder vielleicht auch nicht untersucht hat sind die Umstände, wie das Kind geworden ist. Wie ist es aufgewachsen? Haben sich die Eltern um das Kind gekümmert, hat es Liebe und Zuwendung erfahren? Sehr schnell ist man dabei heute Psychopharmaka zu geben aus unterschiedlichen Gründen ohne vielleicht erst einmal die Ursachen zu ergründen. Und die liegen oftmals gar nicht beim Kind, sondern bei den Eltern, oder am Umfeld und Art & Weise wie das Kind seine ersten Lebensjahre erlebt hat.

Psychopharmaka zu geben ist einfach und schnell und man hat das Problem zunächst erst einmal abgeschwächt, aber nicht behoben. Die Langzeitfolgen, gerade wenn man bereits Vorschulkindern Psychopharmaka verabreicht sind noch gar nicht ausreichend erforscht, aber vorstellbar, wie das sich auf das Gehirn bzw. auf das sich noch entwickelnde Kind zum Jugendlichen bzw. Erwachsenen negativ auswirkt.

Schwierige Kinder in der Jugendarbeit

Das Kind kennenlernen, seine Geschichte wie es geworden ist, Empathie entwickeln, dann kannst Du mehr helfen, als mit Verurteilung („unmögliches Kind“) und womöglich das Kind mit irgendwelchen Psychopharmaka ruhigzustellen (was man ja auch nicht machen darf). Bitte verstehe es nicht falsch: natürlich, wenn Kinder auf Ferienfreizeiten ihre vom Arzt verordneten Medikamente einnehmen müssen, dann muss das auch so eingehalten werden. Aber mit einer vorschnellen Verabreichung von Psychopharmaka schon in jungen Jahren – wie die o.g. Studie herausgefunden hat – lässt man das Kind ja auch irgendwie allein. Da macht man es sich schon sehr einfach.

In der Jugendarbeit begegnen uns immer wieder schwierige, verhaltensauffällige Kinder. Ihnen ihre Grenzen aufzeigen, sich selbst und ihre Grenzen entdecken lassen, ihnen Aufgaben und Verantwortung übergeben, sie ermutigen und loben, ihnen Sicherheit geben und und und – das wäre es. Das bedeutet aber auch: die Kinder nicht gleich abstempeln als „Störenfriede“, als hyperaktive Kids, die nicht zuhören, die schnell Lust verlieren, als Angsthasen bezeichnen und und und – das wäre falsch. Das wäre auch zu einfach gemacht…

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