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Homosexualität und Liebesbeziehungen (51600242)
Ich steh’ halt nicht auf Mädchen | Bildquelle und Copyright: migfoto - Fotolia


Der nun folgende Beitrag stammt von Jan Heinisch, welcher den Beitrag für das Lauffeuer, einer Jugendzeitschrift der Feuerwehrjugend geschrieben hat. Der Beitrag durfte mit freundlicher Genehmigung der Redaktion bzw. Verfassers des Artikels hier veröffentlich werden. Viele der Berichte und Erfahrungen sind aufgrund einer Umfrage entstanden, die der Verfasser innerhalb der Feuerwehrjugend gemacht hat. Aber würde man diese Umfrage auch innerhalb anderer Gruppen und Verbände durchführen, so kämen sicherlich ähnliche Berichte zusammen. Was ich damit sagen will: der Bericht bezieht sich zwar auf die Feuerwehrjugend – lässt sich aber sicherlich auf alle Gruppen anwenden. Das was an dem Bericht so gut rüberkommt ist, dass Einblicke in die Gefühle der Jugendlichen aufgezeigt werden und zum Nachdenken anregen. Der Bericht zeigt vor allem die Schwierigkeiten der Jugendlichen, die ihnen der Umgang mit ihrer vielleicht gerade erst bewusst gewordenen Homosexualität bereitet und warum.

„Ich steh’ halt nicht auf Mädchen"

Homosexuelle Jugendliche in der (Jugend-) Feuerwehr

ein Beitrag aus der Zeitschrift Lauffeuer 11/2002

Die Suizidneigung ist unter homosexuellen Jugendlichen nach einer Studie im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung viermal so hoch wie unter Jugendlichen allgemein. Dies wird auf die gesellschaftliche Situation zurückgeführt.

Wir sind uns bewusst: Mit dieser Titelgeschichte packen wir ein „heißes“ (und damit auch strittiges) Thema an. Doch Demokratie in unserer Gesellschaft lebt von Toleranz und Offenheit, vom Dialog und natürlich auch von (sachlicher) Kritik – nicht aber durch Ausgrenzung und Tabus. Ein wichtiges Ziel unserer Jugend(feuerwehr)arbeit ist (und bleibt) die Integration und die Förderung des Gemeinschaftssinnes (siehe z.B. DJF-Jugendordnung und Bildungsprogramm). Das Lauffeuer will (nicht nur bei diesem Thema) „Forum“, aber nicht „Meinungsmacher“, sein – plädiert aber für einen fairen Umgang. Das schließt ausdrücklich die eigene kritische Bewertung und eine breite Diskussion nicht aus. Leserbriefe und dergleichen sind also willkommen.

Holger Schönfeld, Chefredakteur Lauffeuer





Komisch.
Eigentlich waren es gerade mal fünf Sekunden eines zaghaften Kusses gewesen, aber er fühlte sich plötzlich so anders. Einerseits war das Gefühl schön gewesen, aber dann war da noch diese brennende Angst, etwas Verbotenes getan zu haben und dabei vielleicht beobachtet worden zu sein. So als hätte man etwas aus seinem Innersten preisgegeben, das niemand hatte erfahren sollen. Ihm zitterten die Knie. Seinem Gegenüber ging es nicht besser, das konnte er sehen. Er blickte ihm ins Gesicht. Sven guckte daraufhin weg, auf den Boden. Dabei hatten sie sich gerade einfach nur geküsst, er, also Christoph, und Sven. Er wusste nicht wieso, es hatte sich irgendwie ergeben. Sie kannten sich schon lange durch mittlerweile zwei gemeinsame Jahre in der Jugendfeuerwehr und waren schnell die allerbesten Freunde geworden. Zeltlager, diesen Sommer Training für die Leistungsspange, und jetzt waren sie gerade zu zweit mit dem Rad unterwegs, zwei Freunde eben, hatten rumgealbert und gekabbelt und sich dann plötzlich still gegenübergestanden, sich in die Augen gesehen und sich geküsst. Sven nahm Christophs Hand. Sven bewegte sich nicht, sondern sah von ihm weg auf den Boden. Aber er wehrte sich nicht. Und jetzt? Was war jetzt? Nahm man als 16jähriger Junge einen anderen einfach so an die Hand? Ihm war danach, weil er Sven nun mal so sehr mochte. Und wenn jetzt jemand dort hinten um die Ecke käme? Erschrocken ließ er Svens Hand los.

Statistisch gesehen sind, so wird geschätzt, fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell. Das sind z.B. in einer 250.000- Einwohner- Stadt 12.500 bis 25.000 Personen. Homosexualität ist entgegen verbreiteter und früherer Ansichten auch nicht „therapierbar“

Ein Erlebnis zweier Jugendfeuerwehrleute, irgendwo in Deutschland. Gibt’s nicht? Zu unwahrscheinlich scheint es zu sein, denn Jungs, die einen Freund haben, und Mädchen, die eine Freundin haben, kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen. Was dort in der Vorabendserie „Verbotene Liebe“ ist oder in den Nachmittags- Talkshows besprochen wird – wo gibt es das schon im eigenen Lebensumfeld? Dann auch noch in der (Jugend-) Feuerwehr? Gar in meiner?

Immerhin scheint es „so etwas“ zu geben, denn es gibt sogar eine Internet- Seite „www.feuerwehr-gays.de“, und das Hamburger „Martinshorn“ berichtete im Jahre 2001 von der Hochzeit eines Direktions-Jugendfeuerwehrwartes und seines Freundes. Doch nicht nur das: Recht schnell fanden sich über eine Suchanzeige fast zwanzig schwule Jugendfeuerwehrleute oder solche, die noch bis vor kurzem in der Jugendfeuerwehr gewesen waren. Aus ihren Erzählungen stammen, wenn auch mit meist geänderten Namen, die Berichte, Texte und Erlebnisse in und rund um diesen Artikel. Viele geben Einblicke in die Gefühle der Jugendlichen und regen zum Nachdenken an. Sie zeigen vor allem die Schwierigkeiten, die ihnen der Umgang mit ihrer vielleicht gerade erst bewusst gewordenen Homosexualität bereitet und warum. Zwar haben sich ausschließlich Jungs zu Wort gemeldet; die Aussagen sind jedoch in der Regel ohne weiteres auf Mädchen übertragbar.

Schwulsein – was bedeutet das eigentlich?

Jeder hat seine Vorstellungen darüber, doch sind die so gut wie nie zutreffend. Man kann sich selbst ja mal testen. Die gängigsten Vorurteile sind wohl:

  1. Nur Schwule haben AIDS.
  2. Schwule wechseln dauernd den Partner und sind zu keiner langfristigen Beziehung fähig.
  3. Schwule treiben es in Parks und auf öffentlichen Toiletten.
  4. Schwule wollen lieber Frauen sein.
  5. Schwul sein ist eine Krankheit.
  6. Schwule Jungs haben früher mit Puppen gespielt.
  7. Schwule erkenne ich auf 50 m Entfernung.
  8. Schwul sein ist anerzogen.
  9. Schwule verführen kleine Jungs.

Klar ist: Die meisten Jugendlichen, die sich gerade ihrer eigenen Homosexualität bewusst werden, haben die gleichen Einstellungen und Vorurteile bei diesen Fragen wie der Großteil der übrigen Gesellschaft. Wenn sie nun plötzlich erkennen, dass sie selbst auch zum Kreis der so Beurteilten gehören, bereitet ihnen das meist große Probleme. Es bedarf für einen Teenager enormer gedanklicher Anstrengungen, um zu erkennen, dass vieles eben nicht so ist, wie man – und damit auch er selbst – immer dachte. Ohne Kontakt zu Gleichgesinnten wird dies mitunter gar nicht gelingen. Denn so beweist ihm oder ihr ja niemand, wie es wirklich ist. In ihrem Kopf bleibt das übliche Medienbild, das bewusst diese Stereotypen aufrecht erhält.

Häufige Folgen: Entweder die Jugendlichen fühlen sich mit ihrer von dem Vorurteil abweichenden Art völlig allein auf der Welt, einem Gefühl der Einsamkeit und Ohnmacht, dass eine für Außenstehende sicherlich ungeahnt große Verzweiflung hervorrufen kann. Oder sie versuchen, sich vor der eigenen Homosexualität zu flüchten, sei es, indem sie sich selbst wider Willen eine Freundin/ einen Freund zulegen oder indem sie all ihre Energie nicht in ihr soziales Leben, sondern in die Schule, den Beruf oder davon fern liegende Hobbys stecken. Es ergeht bei weitem nicht jedem homosexuellen Jugendlichen so wie Sven und Christoph, die sich und damit einen anderen als Stütze und Selbstbestätigung gefunden haben.

Und wenn sich die beiden nicht gefunden hätten? Jeder wäre wohl mit dem Bewusstsein, dass er „eigentlich nicht auf Mädels steht“, zunächst weiter allein durchs Leben gelaufen. Denn es ist verständlicherweise sehr schwer, ohne weiteres Kontakt zu anderen schwulen Jungs zu bekommen. Ansehen kann man es ihnen nicht, und sie sind meist doch sehr erfolgreich damit beschäftigt, es jedenfalls in diesem Alter zu verbergen. Eine Kontaktmöglichkeit zu anderen Jugendlichen bietet z.B. das Internet. Es gibt zahlreiche Seiten, die unter dem Oberbegriff „Onlinemagazine für schwule Jugendliche“ firmieren und es sich zur Aufgabe gemacht haben, jenseits der zahlreichen üblen Sexseiten den Jugendlichen ein seriöses Forum zu bieten mit News, Informationen, Geschichten, Chats und Kontaktanzeigen, durch die man evtl. auch andere Jungs (oder Mädels) in seiner Nähe finden kann. Eine dieser Seiten ist das Magazin „SeiDu“ (www.seidu.de), das sich sowohl an Mädchen wie auch an Jungs von 14 bis 27 wendet. Hinter der Seite stehen rund fünfzehn Personen, die eigentlich selbst zur eigenen Zielgruppe gehören und einen gemeinnützigen Verein zur Unterhaltung ihrer Seite gegründet haben. „Wir haben uns auf ganz unterschiedlichen Wegen kennen gelernt und hatten die Idee, so etwas gemeinsam aufzuziehen.“, erklärt Alex aus dem Vorstand des Vereins. „Denn wir selbst haben von derartigen Seiten auch einmal profitiert und wollen dies nun weitergeben. Das Internet ist für diesen Zweck so ideal, weil es anonym und im Gegensatz zu schwullesbischen Jugendgruppen selbst im hintersten Dorf „gefahrlos“ und ohne Umstände für die Jugendlichen zugänglich ist.“ Den selben Hintergrund hat die Internetseite www.dbna.de (steht für „du bist nicht allein“). Es gibt aber selbstverständlich auch Seiten für die Eltern schwuler Kinder, z.B. www.elschkind.de.

Ein anderer Weg für Jugendliche, Gleichaltrige in der selben Situation kennen zu lernen, sind schwul- lesbische Jugendgruppen, die es eigentlich in jeder größeren Stadt gibt (Eine ausführliche Liste findet man im Internet bei www.lambda-online.de.), so z.B. auch in Mülheim an der Ruhr (www.enterpride.de), woher einige der Fotos zu diesem Artikel stammen. Allerdings ist die Hemmschwelle für die Jugendlichen, allein dorthin zu gehen, sehr hoch. Einerseits ist da die allgemeine Ungewissheit, was einen dort erwartet, andererseits aber auch die sicherlich unbegründete Angst davor, dort Bekannte zu treffen, die einem vielleicht schaden könnten.

Wie ging es weiter mit Sven und Christoph?

Sie sind schweigend nebeneinander nach Hause geradelt, nur zur Verabschiedung schnell ein „Bis dann!“, als sich in der Siedlung ihre Wege trennten. Zu Hause ist jeder direkt auf sein Zimmer gegangen, hat sich aufs Bett gehauen und nachgedacht. Nach und nach war das Erlebte schon nicht mehr so schockierend, und die Sehnsucht, den jeweils anderen wieder zu sehen, gewann Oberhand. Sven griff zuerst zum Telefon, zwei Tage nach der Radtour. „Hi!“ Gegenseitiges Anschweigen. „Hast Du nicht Lust, ‘ne Runde Fahrrad zu fahren?“, fragte Sven zögernd. „Ja klar, um drei bei der Kirche.“, antwortete Christoph hastig. Sie sehen sich wieder, ihnen gelingt es, darüber zu reden, bald sind sie zusammen. Das fällt niemandem auf, weil sie es nicht zeigen, so dass sie jeder für zwei 16jährige Kumpels hält. Doch auch wenn sich ihre Eltern schon wundern, warum die beiden immer so viel gemeinsam unternehmen, wird es ihnen doch erst klar, als Svens Mutter beim Putzen in seinem Zimmer eine Geburtstagskarte findet, die mit dem Satz endet: „Ich liebe Dich. Christoph.“ Sie ist völlig schockiert, bricht in Tränen aus und stellt Sven zur Rede, der ihr entsetzt und zitternd die Wahrheit gesteht. Christophs Eltern nehmen das Ganze eher gelassen hin; Svens Eltern jedoch kommen mit ihrem Sohn fortan nicht mehr klar. Er ist ein Einzelkind. Also keine Enkelkinder? Und was mögen die anderen denken, wenn es sich herumsprechen sollte? Was haben sie falsch gemacht? Ihn zu oft mit Puppen spielen lassen? Ihn „zu weiblich“ erzogen? Svens Vater spricht mit seinem Sohn, wenn überhaupt noch, dann jedenfalls nie über dieses Thema; seine Mutter bricht auch nach Wochen noch jedes Mal in Tränen aus, wenn Sven sagt, er träfe sich jetzt mit Christoph. Allerdings haben sie Sven gewähren lassen und nicht versucht oder es nicht geschafft, ihm den Umgang mit Christoph zu verbieten. Sven ist daraufhin immer häufiger bei Christoph, weil dessen Eltern ihn voll als Freund ihres Sohnes akzeptieren. Er isst mit Christoph bei ihnen am Tisch zu Abend, sie nehmen ihn mit ins Erlebnisbad, wenn sie mit Christoph und seinen jüngeren Geschwistern dorthin fahren, und sitzen mit den beiden am Sommerabend gemeinsam am Gartentisch und reden. Von seinen eigenen Eltern entfernt sich Sven jedoch immer mehr.

Homosexualität wurde früher vielfach als Krankheit angesehen. Dies hat sich aufgrund der medizinischen Erkenntnisse heute geändert. Sie ist strikt zu trennen von der sog. Transsexualität, also dem Wunsch, dem anderen Geschlecht angehören zu wollen.

Coming out

Das sog. „Coming Out“, d.h. das Öffentlich- Machen der eigenen Homosexualität, ist für die Jugendlichen das zentrale Thema. Dabei wiederum herausragend ist, wie auch bei Christoph und Sven, die „Elternfrage“. Die eigenen, guten Freunde reagieren vielfach nicht problematisch, wenn sie davon erfahren, aber die Eltern als größter Bezugspunkt der Jugendlichen neigen sehr dazu. Es gibt daher auf dem Markt auch nicht nur ein Buch rund um das Thema „Warum gerade MEIN Kind?“. Ein Grund ist wohl, dass Eltern mit der Problematik der Homosexualität selbst noch nie konfrontiert wurden und zudem nicht an den Gedanken gewöhnt sind – ganz anders als ihr Kind, das sich mitunter schon lange innerlich mit der Frage auseinandergesetzt hat. „Ich sah in meinem Kind zum ersten Mal ein sexuelles Wesen.“, sagt die Mutter von einem der schwulen Jungs in der Düsseldorfer Jugendgruppe „Kuckucksei“ (www.kuckucksei.de). Nicht wenige Familien zerbrechen daran, weil nicht jeder ohne weiteres imstande ist, mit der Homosexualität des eigenen Sohnes oder der eigenen Tochter umzugehen.

Studienergebnisse

Entscheidend für das Coming Out, d.h. ob, wie früh und wie es überhaupt stattfindet, ist also die Umgebung, in der die Jugendlichen aufwachsen. Dies belegt eine Studie der niedersächsischen Landesregierung aus dem Jahr 1999, die einzig große, die es zum Thema „Schwule Jugendliche: Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität“ gibt. Wer also im Elternhaus stets Akzeptanz und Offenheit – auch gegenüber dem Thema Homosexualität – erfährt, dem wird es zumindest leichter fallen, sich zu offenbaren. Ganz anders, wenn Eltern, Freunde und Bekannte dem Thema stets ablehnend bis verurteilend gegenüberstehen („Das ist doch eine Krankheit. Die müssten alle mal zum Psychiater...“) oder es tabuisieren und aus Sicht des Jugendlichen damit durchblicken lassen, dass er mit ihnen im Falle eines Coming Out eine Menge Probleme haben wird.

Nach der Studie kommt der erste Ansprechpartner für das Thema in den allermeisten Fällen aus der privaten peergroup: 32,2% nannten einen Freund, 25,8% eine Freundin, nur 21,2% ein Familienmitglied, darunter insbesondere die Mutter. Spontane Akzeptanz zeigten von den Geschwistern 85% (Schwestern) bzw. 75% (Brüder), von den Eltern hingegen nur 43,2% (Mütter) und 34,2% (Väter). Ein knappes Viertel der Väter bzw. ein knappes Fünftel der Mütter akzeptieren die Homosexualität ihres Kindes überhaupt nicht. Pauschaliertes Ergebnis: Aus einer zufällig von der Studie gezogenen Stichprobe von 15- bis 25jährigen hat fast die Hälfte dem eigenen Vater bisher nichts über die eigene Homosexualität sagen können oder wollen, und vom Rest muss über ein Viertel damit leben, vom Vater wegen des Schwulseins abgelehnt zu werden. Ein deutlicher Beleg für die Wichtigkeit der „Elternfrage“ im Leben der homosexuellen Jugendlichen, auch unter dem Aspekt einer größeren Alltagsbelastung.

„Der schwule Jugendliche – ob geoutet oder nicht – muss vor allem erst mal nur eines: In Ruhe leben können.“, meint der Webmaster der Feuerwehr- Gays.

Aus diesen Ergebnissen erhebt die Studie bestimmte Forderungen, neben den Schulen u.a. auch an die Jugendverbände: Da die meisten Interviewpartner angeben, unter Einsamkeit zu leiden, sollte es danach oberstes Ziel auf allen Ebenen der Jugendarbeit sein, Kontaktmöglichkeit zu anderen schwulen Jugendlichen zu schaffen, die Integration mit anderen Jugendlichen zu fördern und im Bedarfsfalle qualifizierte Hilfe anzubieten. Allerdings reichten, so die Studie, den Jugendliche erklärter Maßen „rein schwule Strukturen“ nicht aus, so dass neben schwulen Jugendverbänden auch die staatliche, kirchliche und verbandliche Jugendarbeit aufgefordert sei, entsprechende Zeichen von Akzeptanz zu setzen sowie explizite und implizite Informations-, Gesprächs- und Integrationsangebote zu machen.

Und wie sieht das bisher bei der Jugendfeuerwehr [... oder anderswo!] aus?

Marc (16) erzählt, dass er sich gerade und zum ersten Mal überhaupt bei jemandem geoutet hat: Bei seinem besten Freund in der Jugendfeuerwehr. Der würde niemandem etwas erzählen. Er hätte es ihm erst in einer Mail angedeutet, woraufhin sein Freund ihn beim Übungsdienst beiseite gezogen habe. Sie hätten sich dann im Anschluss fast zwei Stunden darüber unterhalten. Seinen Jugendfeuerwehrwart, so sagt Marc, würde er hingegen niemals in die Angelegenheit einbeziehen. Er vertraue ihm nicht. Auf die Frage, was er machen würde, wenn es herauskommt und er auf Ablehnung stieße, schreibt er zurück: „Die Feuerwehr ist mir sehr viel wert, sie ist wie eine zweite Familie. Alle meine Freunde sind dort. Ich könnte nicht austreten. Ich würde hoffen, dass sich nach einer Zeit die Aufregung wieder legen würde.“ Die meisten jedoch trauen sich erst gar nicht, in ihrer Feuerwehr „mit offenen Karten zu spielen“.

Andi (22), selbst Jugendfeuerwehrwart, stellt sich einen „Jugendfeuerwehrwart des Vertrauens“ so vor: „Er müsste so sein wie ich, also schwul. – Nein, im Ernst: Ich denke, er sollte erstens recht jung sein, seinen Mund halten können, auf Wunsch auch den anderen Jugendleitern gegenüber, nicht irgendwie fiese Witze über Schwule machen... Eigentlich kann ich den perfekt „outingtauglichen“ Jugendwart nicht beschreiben, es kommt auf die Person an. Ich müsste das Gefühl haben, ihm vertrauen zu können, das ist das Wichtigste!“ Man darf also offenbar – wie immer – die regulierende Kraft eines Jugendfeuerwehrwartes/ -betreuers nicht unterschätzen. Er kann, was als Wunsch zum Ausdruck kommt, Vorurteilen entgegen wirken und bei den Jugendlichen ganz allgemein für einen neutraleren Umgang mit dem Thema sorgen. Doch es gibt ja nicht nur Jugendfeuerwehrwarte und Betreuer, sondern auch andere (Jugend-) Feuerwehrmitglieder, die wie in Marcs Fall Ansprechpartner sein könnten.

Auf die Frage, wie er die Themen Homosexualität und „Kameraden/ Kameradschaft“ miteinander in Verbindung bringt, antwortet Denis (21): „Zum Thema Kameradschaft kann ich nur eins sagen: Im Einsatz ja, danach nein! So ist es die Regel, wobei es durchaus in der Feuerwehr eine Art Clique mit festem Zusammenhalt gibt. Man kann so was allerdings nicht pauschalieren. Grundsätzlich gilt zu sagen: Es gibt in der Feuerwehr allgemein einen großen Zusammenhalt, der jedoch im Regelfall Intimitäten oder reine Themen darum ausschließt.“

Andi meint: „Ein heikles Thema. Wie man so hört, war es mit der viel gerühmten Eigenschaft der Feuerwehr früher besser. Aber da früher ja ALLES besser war, muss man diese Aussage wohl mit Vorsicht genießen. Trotzdem gibt es schon ein paar Kameraden, denen ich vertraue. Ob ich ihnen aber so weit vertraue... Ich weiß es nicht... Wenn, dann muss es so weit sein, dass es kein Problem für mich ist, wenn es alle erfahren."

Homosexualität hat nichts mit Pädophilie* zu tun: Die Quote der Homosexuellen, die pädophil veranlagt sind, entspricht derjenigen unter Heterosexuellen. (*Personen mit einem auf Kinder/Jugendliche ausgerichteten Sexualtrieb)

Und wenn dann einmal ein Jugendlicher in seinen Ausbildern einen Ansprechpartner für das Thema sehen sollte? Die zahlreichen Ratgeber erklären den Eltern, dass die erste Reaktion entscheidend sei: Zur Not Überlegungszeit ausbitten, am besten, wenn man das kann, offen und ruhig reagieren, auf keinen Fall jedoch Ablehnung und Entsetzen zeigen. Der Moment, jemand anderem von seinem Schwulsein zu erzählen, sei aus Sicht der Jugendlichen so entscheidend und bedeutend, dass sie sich ein Leben lang daran erinnern würden. Eine schlicht „neutrale“, d.h. akzeptierende Reaktion („Das macht mir nichts.) sei wichtig, nicht hingegen Mitleid o.ä. („Das tut mir leid.“ „Du Armer!“ etc.).

Bleibt der umgekehrte Fall: Ein Ausbilder der Jugendfeuerwehr oder gar der Jugendfeuerwehrwart selbst sind schwul. Hier tut sich ein ganz anderes Kräftefeld auf, das sicherlich noch erheblich komplizierter ist als bei den Jugendlichen. Die schwulen Jugendfeuerwehrausbilder müssen bestehen vor Jugendlichen, bei denen „schwul“ ein gängiges Schimpfwort ist, bei der Wehrleitung, die sich selbst oft unsicher im Umgang mit dem Thema ist, vor den eigenen Kollegen und nicht zuletzt vor den Eltern, die nur allzu oft meinen, ein schwuler Jugendfeuerwehrwart würde sich ja nur an ihren Kindern vergehen wollen. Die dadurch entstehenden Konflikte sind schwer zu lösen, aber nicht unlösbar. Viel hängt wohl vor allem davon ab, welchen Rückhalt die Wehr- bzw. Jugendfeuerwehrleitung dem Jugendfeuerwehrwart/ dem Betreuer bietet. Einen reichen Erfahrungsschatz im Zusammenhang mit dem Thema haben die Mitglieder und Ansprechpartner der „Feuerwehr- Gays“.

Literatur

Weiterführende Informationen findet man allerdings auch in der Flut von Literatur, die es zu diesem Thema gibt, wie schon ein flüchtiger Blick ins Internet offenbart, wo man auf den bekannten Seiten auch alles jenseits vom kleinen Buchladen an der Ecke bestellen kann. Hier seien einige Beispiele herausgegriffen:

„Ich mach mir nichts aus Mädchen“

Das Buch von Maximilian Geißler und Andrea Przylenk, erschienen im Kösel- Verlag, ist ein sehr modern aufgemachtes und an Klarheit und Einfühlsamkeit kaum zu überbietendes Buch, das wohl als konkurrenzlos bezeichnet werden kann. Es richtet sich zwar vorwiegend an Eltern, ist aber auch für die Jugendlichen selbst und interessierte Jugendfeuerwehrwarte sehr zu empfehlen, zumal es recht günstig und außerdem leicht zu lesen ist. Die Autoren haben die Situation der Jugendlichen wie auch der Eltern sehr genau beobachtet und geben anhand von Beispielen viele sehr gute Ratschläge, wie man sich in die Jugendlichen hineinversetzen und auf sie zugehen kann.

„Schwul – Na und?“

Das von Thomas Grossmann, ein rororo- Sachbuch, richtet sich dagegen eher an die Jugendlichen selbst und versucht, ihnen Hilfestellungen zu bieten und Selbstbewusstsein aufzubauen. Es ist ebenfalls gut geschrieben, nur merkt man ihm leider trotz einer Überarbeitung an vielen Stellen noch sehr die erste Auflage aus dem Jahre 1981 an, u.a. bei den Bildern, mit denen sich Jugendliche von heute kaum noch identifizieren werden.

„Coming Out, total.“

Die gleiche Zielgruppe und Zielsetzung wie „Schwul – Na und?“ hat der Ratgeber „Coming Out, total.“ von Rolf Winiarski, der in vielerlei Hinsicht sicherlich etwas zeitgemäßer ist (in Neuauflage erschienen 2002).

„Unser Kind fällt aus der Rolle.“

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt (sogar kostenlos!) eine Broschüre für Eltern (ist aber auch für die Jugendlichen selbst geeignet) zur Verfügung. Titel: „Unser Kind fällt aus der Rolle.“ Zu beziehen ist sie z.B. über www.loveline.de oder über die BzGA, 51 101 Köln.

„Rollenspiele“

“Rollenspiele“ von Hans Olsson, erschienen im Omnibus- Verlag, ist kein Ratgeber, sondern ein (schwedischer) Roman, geschrieben vorwiegend für ältere Jugendliche. Anfangs eine typische Teenie- Geschichte über den fünfzehnjährigen Johan Alexander, der recht hübsch und daher der Liebling vieler Mädels seiner Schule ist. Doch so einfach ist sein Leben nicht: Er merkt nach und nach, dass ihm das, worum ihn seine Freunde so beneiden, eigentlich gar nichts bedeutet: Er muss feststellen, dass ihn in Wirklichkeit Jungs faszinieren. Sein zaghafter und langsamer Weg durch diese für ihn sehr schwierige Situation wird teils lustig, teils überaus melancholisch beschrieben – ohne eine Blatt vor den Mund zu nehmen.

„Am I blue“

Das Buch von Marion Dane Bauer (Hrsg.) aus dem Ravensburger Buchverlag ist dem vorherigen sehr ähnlich, besteht allerdings aus einer Sammlung von Kurzgeschichten, die mit einer größeren Bandbreite aus der Verwirrung der Gefühle erzählen. „Warum liebe ich anders als andere?“, ist die sie verbindende Frage. In einem Nachwort werden die Autoren der einzelnen Geschichten vorgestellt. Ziel des Buches ist nach den Worten der Herausgeberin, kämpferische, ehrliche und rührende Geschichten zu erzählen. „Sie soll Türen aufstoßen für alle, die versuchen, sich selbst oder andere zu verstehen.“

Wer den Büchern das Fernsehen vorzieht, sei auf den englischen Spielfilm „Beautiful Thing“ (als Kaufvideo auf dem Markt) verwiesen. Er spielt in einer englischen Hochhaussiedlung und begleitet die Jungs Jamie und Steven, die sich dort in der Betoneinöde in der Sommerhitze kennen lernen und sich – ihrer selbst zunächst noch unsicher – ineinander verlieben.

Zitate

„[...] Ich habe mich schon oft gefragt: Du bist homosexuell, o.k., aber auch schwul? Denn schwul schließt für mich nicht nur die sexuelle Orientierung ein, sondern auch die Lebensweise, wie man sie so "klischeehaft" kennt. Und die ist mir fremd, so anders eben. Ich bin nämlich bestimmt nicht so veranlagt, dass ich mir die Haare lila färbe und diese hautengen Shirts anziehe. Ich habe mir eigentlich, als mir meine Homosexualität noch nicht bewusst war, immer vorgestellt, später mal eine Familie zu haben. Mit Kindern natürlich. Denn die Familie ist für mich etwas, das einem keine Freunde oder Verwandte geben können. Vielleicht denkt man anders, wenn man einen festen Partner hat, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall muss es doch toll sein, kleinen Menschen das Leben zu schenken, sie mit den eigenen Vorstellungen und Werten zu erziehen und sie später als selbständige Menschen zu sehen. Vielleicht mache ich mir nur so viele Zukunftsgedanken, WEIL ich anders bin in der Sexualität als die allermeisten anderen. Kann man mit diesen „alternativen Lebensweisen“ genauso glücklich werden? [...] Eigentlich passen meine konservativen Einstellungen in nicht wenigen Dingen nicht zu einem Homosexuellen. Wenn ich mir überlege, wie andere das sehen mögen (mit den Homos), dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass man sich Leute darunter vorstellt, die immer „einen auf Gerechtigkeit und Gleichstellung" machen. Aber bevor ich nen Mann heirate, muss noch ein Blitz bei mir einschlagen...das passt irgendwie nicht ... heiraten und zwei männliche „Teilnehmer“!?! Ich bin mir aber auch nicht sicher, vielleicht ändert sich das. Obwohl, mich freut es natürlich, wenn zwei Männer, die es sich schon lange wünschen, jetzt heiraten können. [...] “

(aus einer Mail von Tim, 17 Jahre)

„ Ich befinde mich zur Zeit in einer Phase, in der ich selbst kaum noch weiter weiß. [...] Und dabei bin ich verwirrt, denn alles kann passieren. Ich kann morgen durch die Straßen laufen und den Jungen meiner Träume treffen. Oder ich kann in 30 Jahren aufwachen und merken, dass es zu spät ist. [...] Und das Schlimme ist, dass es sich immer ändert. Einmal glaube ich, alles im Griff zu haben, und ein paar Sekunden später ist alles außer Kontrolle, und Gott hebt mich hoch auf seinem kleinen Finger. [...] Ich glaube, ich würde augenblicklich alles aufgeben, was ich habe, hätte ich die Gelegenheit, mit meiner Liebe auf eine einsame Insel zu ziehen, jemanden an meiner Seite, der mich so akzeptiert, wie ich bin. Aber vielleicht ist es besser, wenn das ein Traum bleibt. [...] “

(aus einem Brief von Stefan, 18 Jahre)

„ Ich muss ganz ehrlich sagen, die Feuerwehr ist der einzige Ort, bei dem ich Angst habe, mich zu outen. Bei meinen Freunden bin ich weitestgehend geoutet. [...] Die Feuerwehr jedoch ist so ein eingeschweißter Haufen. [...] Ich hab Angst, dass ich, wenn ich mich oute, das Gefühl von Kameradschaft verliere, weil die Hetero- Männer Angst haben, von mir angegraben zu werden. In der Jugendfeuerwehr wissen es meine Freunde, mit denen ich wirklich ein sehr gutes Verhältnis habe. [...] Ich bin grad 17 Jahre und will mich erst mal in der aktiven Wehr etablieren und von meiner Person überzeugen, damit keiner Angst hat, dass ich nur auf die Typen aus bin. Die sollen erst den Menschen richtig kennen lernen. Das hilft unheimlich, um leichter durchzukommen. [...] “

(aus einer Mail von Daniel, 17 Jahre)

„ Nach einer kurzen Unterhaltung fiel mir mein „Problemchen“ wieder ein und ich wurde wohl ziemlich nachdenklich, denn es war eigentlich eine gute Gelegenheit, meine Mutter über gewisse Dinge aufzuklären. In den letzten Tagen hatte ich sie sowieso ein bisschen darauf vorbereitet, hatte gesagt, dass ich wohl nie eine Freundin haben werde/ möchte und sie auf ihre Meinung zur Homosexualität angesprochen, woraus lebhafte Gespräche entstanden waren. [...]
Nach diesem Abendessen also sprach sie mich an und meinte, dass sie doch merken würde, wie ein Problem an mir nagt. Nach einigen Augenblicken habe ich es ihr dann gesagt, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass mein Vater nicht zuhört. Sie meinte ganz ruhig, in die Richtung hätte sie auch schon gedacht, aber es nie und nimmer für möglich gehalten. Sie liebe mich immer noch und akzeptiere es natürlich. Aber eines wäre ja wohl klar: Um alles in der Welt dürfe es niemand anderes erfahren, nicht mal meine beste Freundin. Ich täte ihr unheimlich leid und es wäre einfach sooo schade - das könnte doch alles nicht sein. Ihr einziges Kind! Und dieser Widerspruch: Sie hätte mich doch so gut hinbekommen, so intelligent. Und dann das! [...]
Jedenfalls, und daran ginge kein Weg vorbei, müsste ich es zumindest einmal und für die Öffentlichkeit mit einem Mädchen versuchen. Wenn ich ihre körperliche Nähe spüren würde, dann würde sich bei mir schon was regen. Das sei schließlich normal so und alles andere ginge nicht. Nein, es könne nicht sein! Punkt, Schluss, Ende!! Wenig später machte sie sich laut und fragend darüber Gedanken, was sie falsch gemacht haben könnte. Vorsichtshalber schloss ich die Küchentür auch noch, damit mein Vater wirklich nichts mitbekommt. An meiner Erziehung wären wohl zu viele Frauen beteiligt gewesen, schloss sie. [...]
Ich merkte, dass ich in einer Sackgasse angekommen war, denn es ging immer wieder hin und her mit der Rederei. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass sich Homosexualität nicht einfach so entwickelt, sondern dass man es wollen muss. [...] Ich hoffe, dass es nur eine Überreaktion von ihr ist. Denn so was wie dem Vergleich mit Sex mit Tieren hätte ich mir von ihr, die seit 30 Jahren Lehrerin ist und schon mit allen möglichen Dingen konfrontiert wurde, nicht erträumt. Auch meinte sie einmal sarkastisch, welche Rolle ich denn in einer Beziehung übernehmen wolle, die vom Mann oder der Frau. Ich meinte, so was gäbe es wohl eher selten, aber sie ist sich da sicher. “

(per Mail von Tim, 17 Jahre)

im Gespräch

Maik – Jugendfeuerwehrwart, und Jens – mittlerweile Mitglied einer Einsatzabteilung Vielleicht stellt Ihr beide Euch zu Beginn erst einmal vor und erzählt, was Ihr mit der (Jugend-) Feuerwehr zu tun habt...

„Also mein Name ist Jens, ich bin 18 Jahre alt, seit nunmehr vier Jahren in der Feuerwehr, erst in der Jugendfeuerwehr, mittlerweile in der Einsatzabteilung.“

„Ich bin der Maik, ebenfalls in der Feuerwehr, 24 Jahre alt und seit vier Jahren Jugendfeuerwehrausbilder.“

Und wie haben sich Eure Lebenswege gekreuzt?

„Ganz einfach: Maik war einer meiner Jugendfeuerwehrausbilder.“

Wie hat die Geschichte, um die es hier geht, denn begonnen?

„Vielleicht sollte man hier dazu sagen, dass ich schwul bin. Das wissen zwar meine Ausbilderkollegen, nicht hingegen die Jugendlichen. Denn ich habe es nie für nötig gehalten, mit ihnen darüber zu sprechen. Es ist meine private Sache. Jens war also Mitglied unserer Jugendfeuerwehr und zum fraglichen Zeitpunkt 16 Jahre alt. Wir geben uns, denke ich, mit unseren Jugendlichen eigentlich recht viel Mühe und beobachten sie auch dementsprechend genau. Und bei Jens sind mir an seinem Verhalten ein paar Sachen aufgefallen, die mich vermuten ließen, dass er auch schwul ist. Natürlich kann man keine „Regeln zur Erkennung homosexueller Jugendfeuerwehrleute“ aufstellen. Aber ich habe mich halt hier und da gewundert. Ich habe mit den anderen Betreuern darüber gesprochen, die meine Beobachtungen teilten, und sie haben vorgeschlagen, dass ich mich quasi als „Experte auf diesem Gebiet“ in einer ruhigen Minute mal mit Jens unterhalten solle.“

Und wie ist es dann dazu gekommen?

Wir haben mit der Jugendfeuerwehr eine Ferienfreizeit unternommen. Ich hatte mir ungefähr tausend Gedanken darüber gemacht, wie ich ein Gespräch anfangen sollte, denn wenn wir Unrecht gehabt hätten, wäre Jens sicher sehr verletzt gewesen. Doch der Zufall half mir: Jens und ich waren eines abends allein in der Küche mit Abtrocknen beschäftigt, als er mich plötzlich fragte: „Hör mal, Maik, hast Du eigentlich schon mal eine Freundin gehabt?“ Die Frage hatte ich von IHM am wenigsten erwartet. „Eine? Hunderte...!“, habe ich geantwortet. „Nein, ich meine so richtig...“, gab er zurück. Da hab ich einfach gesagt: „Also Jens, pass mal auf: Ich bin schwul, und da hat man keine FreundIN, sondern einen Freund. Und ja, so was hab ich.“ – Hast Du schon mal jemand gesehen, dessen Augen schlagartig so groß wie Tennisbälle werden?“

Und wie hast Du Dich da gefühlt, Jens, als das Thema nun so offen auf dem Tisch lag?

„Schwierige Frage. Ich wusste ja bis dahin gar nicht, dass Maik schwul ist. Als er mir das gesagt hat, war ich erst völlig durcheinander. Denn er wäre auch der letzte gewesen, bei dem ich es vermutet hätte. Aber ich war zugleich unglaublich erleichtert, weil ich ja bis dahin nicht einen einzigen Schwulen persönlich gekannt hatte.“

Wie ging es dann weiter?

„Mit meiner Aussage war das Eis gebrochen. Ich habe ihm viel von mir erzählt, wohl mehr, als den meisten anderen Leuten in der Feuerwehr. Und er hat auch sehr offen gesagt, was ihn so beschäftigte. Womit klar war, dass er auch schwul ist.“

„Es war wirklich genial, mal mit jemand sprechen zu können, der verstand, was mich so beschäftigte, weil er’s ja selbst auch erlebt hat.“

Und, Jens, wie hast Du dieses plötzliche Ereignis verarbeitet?

„Ich hab in der Nacht danach stundenlang nachgedacht. Einerseits war ich schon froh, dass wir uns unterhalten hatten. Andererseits habe ich mich jedoch gefragt, wie er denn gemerkt haben kann, dass ich auf Jungs stehe. Ich war halt verunsichert, dass „es“ sonst noch jemand mitbekommen hat. Inzwischen ist mir klar, dass sich unsere Ausbilder mehr Arbeit gemacht haben, als für uns ersichtlich war.

Wie ist Maik dann weiter vorgegangen?

„Er ist mit mir zu einem Jugendprojekt für Schwule gegangen.“

„Sicher war es für Jens ganz gut, dass er sich mit mir unterhalten konnte. Trotzdem dachte ich, dass es für ihn wichtig wäre, sich mal mit gleichaltrigen Jungs auszutauschen. Ich habe mir über den Kreisjugendring die Telefonnummer von dem Projekt besorgt und mich dort beraten lassen. Mit viel Überredungskunst habe ich Jens dann auch dazu gebracht, dass er sich den Laden wenigstens mit mir zusammen mal anschaut. Als wir allerdings erst mal da waren, hat er sich recht schnell dort eingelebt und viele neue Freunde gefunden.“

„Stimmt. Auch wenn ich die Idee am Anfang nicht so toll fand, war’s im Nachhinein gesehen nicht schlecht. Es hilft einem schon sehr, wenn man sieht, dass man nicht alleine auf der Welt ist mit seinen Gedanken und Gefühlen. Mittlerweile bin ich recht oft da.“

Bist Du froh, Jens, dass es so lief? Wo würdest Du Dich heute ohne dieses Ereignis sehen?

„Ja, eigentlich schon. Keine Ahnung, vielleicht würde ich immer noch in meinem Mauseloch sitzen und mich nicht raustrauen.“

„Er hat sich nach dem Ereignis total verändert, ist richtig aufgeblüht (Sogar seine Noten!) und hat seine frühere Schüchternheit komplett abgelegt.“

Wissen die Leute in Deiner Feuerwehr mittlerweile davon, dass Du schwul bist?

Nein, und auch die Ausbilder unserer Jugendfeuerwehr haben nie ein Wort darüber verloren.

Eine letzte Frage: Was meinst Ihr, kann man von einem Jugendfeuerwehrwart erwarten, und was sollte er auf gar keinen Fall tun, wenn er meint, einer der Jugendlichen aus der Gruppe sei schwul?

Auf jeden Fall keine dummen Witze über Schwule machen. Er weiß ja nicht, ob er eventuell jemanden damit verletzt.

Maik: Ich denke, die wichtigsten Aufgaben eines Jugendwartes sind ganz allgemein, das Vertrauen seiner Jugendlichen zu gewinnen und zu beobachten, wie sie sich entwickeln. Wenn man den Jugendlichen gegenüber Gesprächsbereitschaft signalisiert und ihr Vertrauen besitzt, kommen sie meistens von ganz alleine zu einem. Allgemeine Verhaltensweisen für so einen Fall kann ich Dir nicht nennen. Das kommt wohl ganz auf die Situation an, denke ich.

Der Verfasser bedankt sich für die umfangreiche Hilfe bei der Initiative „Feuerwehr- Gays e.V.“ (www.feuerwehr-gays.de), dem Sozialverband für Lesben und Schwule e.V. in Mülheim an der Ruhr mit seiner Jugendgruppe „enterpride“ (www.enterpride.de) und den Internetmagazinen www.seidu.de sowie www.dbna.de.

Besonderer Dank gilt aber vor allem den vielen Jugendfeuerwehrleuten, Jugendfeuerwehrwarten und -ausbildern überall in Deutschland, die auf die Suchanzeige geantwortet und den Mut und die Offenheit besessen haben, in Emails, Chats und Telefonaten viel über sich, ihr Leben, ihre Gefühle und Erfahrungen zu erzählen. Dabei wurde deutlich, dass ihnen die Behandlung des Themas sehr wichtig war und dass sie sich viel davon erhoffen. Sie alle haben der Veröffentlichung ihrer Berichte und Fotos selbstverständlich zugestimmt.

Quelle und Copyright:
Artikel von Jan Heinisch, veröffentlicht im Laufffeuer Lauffeuer 11/2002, die Zeitschrift der Feuerwehrjugend.


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